Alan Markby war tatsächlich nicht auf direktem Weg in sein Büro zurückgefahren. Stattdessen fuhr er hinaus aufs Land, über die Straße, die an der Old Farm entlangführte. Ein kurzes Stück vor den beiden Cottages lenkte er seinen Wagen an den Straßenrand. Er wollte nicht von den Walcotts gesehen werden.

Zu Fuß legte er das kurze Stück zum Tor von Nat Bullens unordentlicher Behausung zurück. Landbewohner benutzten nur selten die Vordertür, und so ging auch Markby um das Cottage herum zur Rückseite.

Dort fand er Bullen auf einer Holzbank vor der offenen Küchentür, von wo aus er misstrauisch auf ein Beet starrte, das er vom allgegenwärtigen Unkraut befreit und wo er Kohlgemüse angebaut hatte. Bullen hatte seinen Beerdigungsanzug abgelegt und trug eine alte Flanellhose zusammen mit einem grell rotblau-grün karierten Hemd, das aussah, als stammte es von einem Flohmarkt. Es war zu groß, und er hatte die Ärmel aufgekrempelt. Darunter waren seine dünnen weißen Arme zu sehen. Sein dürrer Hals ragte aus dem Kragen wie der eines gerupften Huhns.

»Wie geht es Ihnen jetzt, Nat?«, fragte ihn Markby, während er sich zu dem Alten auf die Holzbank setzte.

»Ausgerechnet Sie müssen mich das fragen!«, murmelte Bullen und spie zur Seite aus – nicht zu Markbys Seite hin, wie der Superintendent zu seiner Erleichterung feststellte.

»Haben Sie eigentlich gar kein schlechtes Gewissen, weil Sie mich daran gehindert haben, die alte Eunice richtig zu begraben?«

»Aber das ist nicht mehr länger Ihre Aufgabe, Nat.« Bullen blickte Markby mürrisch an. Nach einer Weile sagte er:

»Sehen Sie diesen Kohl? Ich hab ein verdammtes Karnickel in meinem Garten, und es frisst ihn andauernd ab! Ich hab Schlingen für das Mistviech ausgelegt, aber ich hab’s noch nicht gefangen. Aber ich krieg es schon noch, und dann landet es im Topf!«

»Wo wir gerade von schlechtem Gewissen reden, Nat«, fuhr Markby in liebenswürdigem Ton fort, »es scheint eine Reihe von Leuten in der Gegend zu geben, die sich damit herumplagen.« Bullen rollte die gelben Augäpfel zu Markby hin, doch dann grunzte er nur.

»Ich habe eben mit Mr. Holden zu Mittag gegessen.«

»Schätzungsweise haben Sie reichlich Zeit für so etwas«, murmelte Bullen, »jetzt, wo Sie Superintendent geworden sind.«

»Auf dem Heimweg habe ich selbst ein wenig nachgedacht«, fuhr Markby unbeeindruckt fort.

»Ich habe meinen Gedanken freien Lauf gelassen, einfach so, verstehen Sie? Ich habe darüber nachgedacht, was Sie gesagt haben. Wie schwer es ist, ein anständiges Grab auszuheben …«

»Was geht Sie das an, was ich gesagt hab?«, unterbrach ihn der alte Bullen unwirsch.

»Nicht, dass ich es zurücknehmen tät, denken Sie das bloß nicht! Aber was ich gesagt hab, war für diese beiden Lowes bestimmt, nicht für Sie!«

»Ich hab darüber nachgedacht, was, wenn der alte Nat Bullen das Mädchen verscharrt hätte? Nur meine Fantasie, wissen Sie? Er wusste von der frischen Erde auf dem Grab der Greshams, und er würde sie bestimmt hübsch sauber darunter begraben. Nicht, dass ich glaube, Sie hätten etwas mit der Ermordung der jungen Frau zu tun.«

»Da danke ich auch recht schön.«

»Aber Sie könnten Kimberley begraben haben, aus einem Grund, der Ihnen damals vielleicht die Sache wert war. Vielleicht fanden Sie den Leichnam auf dem Friedhof. Oder vielleicht dachten Sie, Sie wüssten, wer Kimberley Oates umgebracht hat?«

»Spekulieren Sie meinetwegen, was Sie wollen«, brummte Bullen.

»Ich kann Sie nicht daran hindern. Tun Sie, was Sie wollen. Mir ist es völlig wurst, was Sie denken. Trotzdem, Sie sollten Ihre Fantasie ein wenig im Zaum halten, Markby. Leute, die sich Dinge einbilden, enden nur zu schnell damit, dass sie glauben, sie wären König von England oder ein Hutständer. Außerdem muss die Polizei beweisen, was sie sagt. Und das ist eine ganz andere Geschichte.« Lars hat Recht, dachte Markby amüsiert. Der alte Mann mag verrückt sein, aber es war eine merkwürdig kompetente Verrücktheit.

»Ich kann zum Beispiel beweisen, dass Sie Mr. Holden im Unterhaus angeschrieben haben, weil er mir Ihren Brief gegeben hat. Warum haben Sie diesen Brief geschrieben, Mr. Bullen?«

»Ich dacht, er sollt’s wissen.«

»Was sollte er wissen? Welches Interesse könnte er daran gehabt haben?« Bullen richtete seine verblassten, aber immer noch energischen Augen auf Markby.

»Er ist mein Abgeordneter, oder nicht? Ich habe das Recht, meinen Abgeordneten zu sprechen, habe ich. Er ist mein Volksvertreter. Fragen Sie doch Major Walcott, er wohnt gleich nebenan. Er kann es Ihnen sagen. Er rennt ständig rum und steckt den Leuten Flugblätter in den Briefkasten.«

»Und Sie versuchen mir auszuweichen, Nat. Kommen Sie, geben Sie mir eine klare Antwort! Warum haben Sie Lars Holden über die Entdeckung des Skeletts im Grab der Greshams in einem Brief informiert? Niemand wusste zu dem Zeitpunkt, wer das Skelett war – oder zumindest hat niemand zugegeben, etwas zu wissen!«

»Sie haben meinen Job den Lowes gegeben!«, sagte Bullen angriffslustig.

»Was wissen die beiden schon über ein vernünftiges Grab! Sie graben Knochen aus! Ich hätte niemanden ausgegraben, der in Frieden schläft. Geschieht Ihnen allen recht! Was müssen Sie auch den Lowes meine Arbeit geben! Das ist der Grund, aus dem ich Mr. Holden geschrieben habe. Um ihm zu sagen, dass man mir nicht meine Arbeit hätte wegnehmen sollen, um sie den Lowes zu geben. Ich kannte den Vater der beiden. Er war ein Wilddieb. Und die beiden haben mir meine Arbeit gestohlen! Liegt offensichtlich im Blut, der Hang zum Stehlen.« Es stimmte, in seinem Brief an Lars Holden hatte Nat Bullen geschrieben, dass Denny und Gordon Lowe ihm seine Arbeit weggenommen hatten – ungerechterweise, seiner Meinung nach. Zeile um Zeile stand nichts in diesem Brief, aus dem hervorging, dass Bullen die Identität des Opfers gekannt hätte. Vor Gericht, als Beweis für irgendeine Konspiration, hätte jeder halbwegs kompetente Verteidiger Nat Bullens Brief in wenigen Minuten entkräftet. Markby war sich der Tatsache bewusst, dass auch Bullen dies wusste, deswegen fuhr er fort:

»Es war falsch, sie zu begraben, ohne dass irgendwer etwas davon wusste, aus welchem Grund auch immer. Es war gegen das Gesetz. Doch ich bezweifle, dass nach all der Zeit noch jemand ernsthaft deswegen in Schwierigkeiten kommen würde. Nicht, wenn die betreffende Person weiter nichts getan hat.«

»Sie nehmen die Dinge also für wahr, was?«, sagte Bullen sarkastisch.

»Ich dachte, Sie wüssten es besser, ein wichtiger Mann wie Sie.« Markby gestand sich seine vorübergehende Niederlage ein.

»Also schön, Nat. Aber denken Sie noch einmal darüber nach. Vielleicht gibt es etwas, das Sie mir noch nicht gesagt haben und das Sie mir gerne mitteilen würden. Wenn ja, rufen Sie mich an, und ich komme zu Ihnen heraus. Einverstanden?«

»Ein neuer Drahtzaun, Kaninchendraht, könnte das Karnickel draußen halten«, sagte Bullen.

»Wenn ich ihn ungefähr einen Fuß tief in die Erde eingrabe, sonst kommt das Mistviech unten drunter durch.« Markby seufzte und tastete nach seiner Brieftasche.

»Zwanzig Pfund, Nat. Für neuen Kaninchendraht. Und denken Sie drüber nach! Falls die Person sich heute stellt, bekommt sie aller Wahrscheinlichkeit nach keine größeren Scherereien. Falls sie sich aber weiterhin sperrt und nicht kooperiert, wird es nicht so einfach für sie. Mehr noch, falls diese Person etwas weiß und es für sich behält, könnte sie sich dadurch in ernste Gefahr begeben. Ich bin nicht der Einzige, der davon weiß, und andere interessieren sich für die polizeilichen Ermittlungen. Dort draußen gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach einen Mörder, Nat, und er ist mit Sicherheit daran interessiert, jeden Fortschritt unsererseits zu torpedieren. Vergessen Sie das nicht, Mr. Bullen.« Bullens Hand schoss vor und packte die beiden ZehnPfund-Noten.

»Ich hab Ihnen alles gesagt, was Sie wissen müssen!«, sagte er.

Bryce erwartete Markby bereits, als er in sein Büro zurückkehrte.

»Wir haben sie aufgespürt!«, berichtete sie.

»Susan Tempest. Oder besser gesagt, die nordwalisische Polizei hat sie gefunden. Wir haben eine Anschrift. Ein einheimischer Beamter hat sie in der Zwischenzeit aufgesucht und darüber informiert, dass die sterblichen Überreste ihrer Tochter gefunden wurden. Sie wurde des Weiteren in Kenntnis gesetzt, dass wir sie besuchen.«

»Das tue ich«, entschied Markby frisch.

»Ich bin sehr gespannt darauf, Susan Tempest geborene Oates kennen zu lernen!«

»Und eine Mrs. Mitchell hat angerufen. Ich habe eine Notiz auf ihrem Schreibtisch hinterlassen. Sie hat darum gebeten, dass Sie unverzüglich zurückrufen. Sie muss Ihnen etwas sagen.«

»Richtig«, murmelte Markby.

Da sie sich erst einige Stunden zuvor gesehen hatten und Meredith wusste, dass er bis zum Hals in Arbeit steckte, konnte ihre Nachricht eigentlich nur bedeuten, dass sie etwas herausgefunden hatte, das für diesen Fall von Bedeutung war.

Doch so früh nach seinen mahnenden Worten auf dem Friedhof war seine erste Reaktion aufsteigender Ärger. Er wusste, dass Meredith gerne private Nachforschungen anstellte. Er hatte immer wieder erklärt, sowohl geduldig wie heute als auch zu einer Gelegenheit recht aufgebracht, dass es sowohl unklug als auch in mancherlei Fällen verkehrt war. Am meisten Sorgen machte ihm die Gefahr, in die sie sich mit ihrer Eigenwilligkeit begab. Diese offensichtliche Schlussfolgerung schien Meredith völlig zu entgehen.

In seinem Herzen wusste Markby, dass er sie nicht aufhalten konnte. Es war eine Tatsache, dass sie häufig Indizien und Beweise fand, die der Polizei aus dem ein oder anderen Grund entgangen waren. Meredith hatte ein Talent, mit Menschen zu reden und sie dazu zu bringen, sich alles von der Seele zu reden, Geschwätz und allerlei alte Geschichten. Auch das war zwar hilfreich, aber nichtsdestotrotz gefährlich.

»Ihr benutzt doch auch andere Informanten«, hatte sie einmal entgegnet, als er ganz besonders ärgerlich wegen einer ihrer Eskapaden gewesen war.

»Wenn du damit Kleinganoven meinst, die in der Unterwelt als unsere Augen und Ohren fungieren, wenn dabei etwas für sie herausspringt, dann heißt die Antwort ja! Aber du wirst dich doch wohl nicht mit ihnen vergleichen, oder? Außerdem weiß jeder Unterweltganove, in welche Gefahr er sich begibt, und beim ersten Anzeichen von Ärger zieht er den Kopf ein und geht in Deckung!«

»Ich bin vorsichtig!«, hatte sie mit schwacher Stimme versprochen. Zu schwacher Stimme. Markby seufzte laut bei der Erinnerung. Trotzdem war er von Neugier erfüllt, als er ihre Nummer wählte.

»Also schön, was gibt’s? Ich war nicht hier, als du angerufen hast, weil ich Nat Bullen noch auf ein Wort sprechen wollte und zu ihm rausgefahren bin. Was ist los? Hast du wieder einmal Dummheiten gemacht? Kann ich dich nicht mal fünf Minuten allein lassen? Geht denn einfach alles, was ich sage, zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus?« Sie ignorierte seine Strafpredigt und kam stattdessen gleich auf den Punkt zu sprechen, der sie interessierte.

»Bullen? Warum? Was hat er dir gesagt?«

»Ich habe nichts aus ihm herausbekommen. Aber ich bin nicht der Meinung wie Lars Holden, dass der Alte verrückt ist. Im Gegenteil, Bullen hat alle seine Sinne beisammen! Ich habe zwanzig Pfund für Kaninchendraht investiert und habe ihn lediglich dazu gebracht, noch einmal über das nachzudenken, was er uns bereits gesagt und ob er vielleicht noch etwas ausgelassen hat. Hoffe ich jedenfalls. Aber du hast mir noch nicht gesagt, warum du angerufen hast? Ich hoffe und bete, dass du dich nicht schon wieder einmischst, Meredith?«

»Ich mische mich nicht in eure Ermittlungen ein!«, protestierte sie indigniert.

»Und wenn du jetzt nicht damit aufhörst, dann behalte ich meine Informationen eben für mich!«

»Schieß los!«, grollte Markby.

»Lass mich hören, was du weißt. Mit wem hast du geredet?«

»Mrs. Etheridge. Das ist die alte Dame mit dem Einkaufswagen, die vor meinem Haus fast über deine Füße gestolpert wäre, du erinnerst dich? Als du auf der Mauer gesessen und auf mich gewartet hast. Ich habe ein paar interessante Dinge über Bullen erfahren. Und noch etwas. Von merkwürdigen Vorgängen in der All Saints Kirche vor zwölf Jahren. Ich habe beide Informationen von ihr.« Markby hing am Haken, und beide wussten es. Er kapitulierte.

»Du hast nicht Lust, morgen mit nach Nord Wales zu fahren, oder? Als ich eben ins Büro zurückgekommen bin, habe ich erfahren, dass Susan Tempest, Kimberleys Mutter, dort ausfindig gemacht wurde. Ich dachte, ich fahre hin und unterhalte mich persönlich mit ihr. Unterwegs könntest du mir deine Geschichten erzählen. Mit ein wenig Glück finden wir Zeit, am Meer zu essen.«

»Klingt verlockend«, antwortete sie.

Markby legte den Hörer auf. Der Trip hinauf nach Nord Wales, um Susan Tempest zu befragen, würde wahrscheinlich zu nichts führen, doch er war gespannt darauf, Kimberleys Mutter kennen zu lernen. Wenn schon nichts anderes, würde es ihm vielleicht helfen, Kimberley besser zu verstehen, und er musste das tote Mädchen verstehen. Im Augenblick war sie nur ein flüchtiger Schatten für ihn. Menschen erinnerten sich an sie, doch niemand hatte irgendetwas von größerer Bedeutung sagen können, mit Ausnahme der Tatsache, dass sie offensichtlich von Sex besessen gewesen war. Aber es musste doch mehr über sie zu erfahren sein, nicht nur, dass sie eine der einheimischen Amateurnutten gewesen war.

Ein Klopfen an der Tür kündete Louise Bryce an.

»Tut mir Leid, wenn ich Sie stören muss, Sir, aber ich dachte, dass Sie es vielleicht wissen sollten. Wir haben die andere junge Frau gefunden. Jennifer Jurawicz.«

»Tatsächlich? Haben Sie?« Endlich gerieten die Dinge in

Bewegung!

»Sie ist mit einem Mann namens Fitzgerald verheiratet. Sie lebt mit ihm in der Gegend von Nottingham.« Auf Bryces Gesicht zeigten sich Grübchen.

»Das hier würden Sie nie erraten, Chef.«

»Was denn? Sagen Sie es schon!«, verlangte er.

»Ihr Mann, Sir. Er ist Polizeibeamter.« Markbys Augenbrauen schossen in die Höhe.

»Ist er das? Dann wird also zumindest sie kooperieren! Sie fahren besser gleich morgen nach Nottingham und befragen sie! Ich habe bereits einen Termin drüben in Nord Wales.« Er unterbrach sich.

»Mit einem Polizisten verheiratet, eh?«

»Ich dachte mir, dass Sie das gerne hören, Sir«, sagte Bryce.

KAPITEL 12

IN DER Nacht wurde Meredith von einem Sturm geweckt. Wind zerrte an ihrem Fensterladen und blähte durch das offene Oberlicht hindurch die Vorhänge auf wie Segel. Sie stand auf und schloss es. Draußen bog sich ein Baum direkt am Haus auf alarmierende Weise, als der Sturm stärker wurde. Eine Plastiktüte wirbelte unten auf der Straße über das Pflaster. Wenn das noch schlimmer wurde, würde die Fahrt nach Wales zu einem Kampf gegen die Natur. Alan holte sie Punkt acht Uhr ab. Er hatte reichlich Zeit für die Fahrt einkalkuliert, mit einer Kaffeepause auf halber Strecke, doch es sah alles danach aus, als würde es Mittag, bis sie an ihrem Ziel ankamen.

»Sie lebt in Rhos-on-Sea«, berichtete Markby.

»Sie weiß, dass Kimberleys sterbliche Überreste gefunden wurden. Sie hat es in der Zeitung gelesen, bevor die Polizei von Nord Wales sie besucht hat. Es war unvermeidlich, weil es einige Zeit gedauert hat, bis die Polizei sie fand.«

»Dann hat sie sich also nicht von sich aus gemeldet, nachdem sie davon las?«

»Nein.« Eine Windbö quer über die Straße zerrte am Wagen, und Regen prasselte auf die Windschutzscheibe.

»Sie mussten sie richtig aufspüren. Wie es scheint, hat sich ihre Einstellung in den letzten zwölf Jahren nicht geändert. Sie will immer noch nichts mit Kimberley zu tun haben, weder leben dig noch tot.«

»Das klingt ziemlich herzlos.«

»Wir werden sehen. Sie ist inzwischen Witwe. Was bedeutet, dass wir uns wenigstens nicht mehr mit diesem Tempest herumschlagen müssen, der beim letzten Mal ziemliche Probleme gemacht hat.«

»Was ist mit ihm?«, fragte Meredith einigermaßen neugierig.

»Ein Arbeitsunfall. Soweit ich verstanden habe, wurde die Witwe von seinem Arbeitgeber außergerichtlich großzügig entschädigt. Wahrscheinlich hätte sie mehr bekommen, wenn sie vor Gericht gegangen wäre, doch dann hätte sie warten müssen, und die Firma hätte ihre Ansprüche angefochten. Anwälte kosten außerdem Geld, und beide Seiten haben sich auch so geeinigt. Sie hat alles verkauft und ist mit ihrem Geld an die Küste gezogen. Mehr weiß ich nicht.« Einige Zeit später, in der Cafeteria eines lauten Rasthofs, fragte er bei einer Tasse Kaffee:

»Was wolltest du mir über Bullen erzählen?« Sie berichtete, während er ein Croissant aus der Plastikfolie wickelte. Anschließend erzählte sie auch noch die Geschichte von der brennenden Kerze und den Kosmosblumen auf dem Altar.

»Archibald!«, murmelte Markby.

»Was für ein Zufall – oder vielleicht auch nicht. Ich habe eine Mrs. Archibald befragt.«

»Der Archibald, den Mrs. Etheridge gemeint hat, ist oder war ein Metzger in der Stadt. Derek lautet sein Vorname.«

»Dann ist es der Gleiche. Archibald der Metzger. Das hat sie gesagt. Sie schien außerordentlich stolz auf die Tatsache, dass das Geschäft seit fast hundert Jahren existiert. Und rate mal, was noch?«, fragte Markby grimmig.

»Die Archibalds leben Tür an Tür zu dem Haus, in dem die verstorbene Joan Oates und ihre Enkelin Kimberley gewohnt haben.« Meredith erschauerte, teilweise, weil sie gerade in das Croissant gebissen hatte. Es war weich und teigig anstatt knusprig und blättrig.

»Was für ein eigenartiger Zufall«, sagte sie undeutlich.

»Dieses Ding hier schmeckt wie ein Klumpen Kleenex.«

»Also kannte Archibald sowohl Joan Oates als auch Kimberley«, murmelte Alan.

»Da fällt mir noch etwas ein. Deine Mrs. Etheridge hat sie wahrscheinlich auch gekannt. Frag sie doch. Etheridge!« Er schnippte mit den Fingern, und Meredith sah verblüfft von ihrem Teller auf.

»Mach so weiter und stampf dazu mit den Füßen, und du bekommst einen Job als Flamenco-Tänzer!«, riet sie ihm.

»Ich wünschte nur, ich hätte mich für Blätterteiggebäck entschieden.«

»Jetzt weiß ich, wo ich den Namen Etheridge schon einmal gehört habe! James Holland hat ihn erwähnt, als er mich im Bezirkspräsidium besucht hat! Sie hat sich mit ihm wegen irgendeiner Sache zerstritten und ist sogar aus der Kirche ausgetreten!«

»Sie wollte wohl nicht, dass der alte Pater Appleton gegen einen Motorrad fahrenden Priester ausgetauscht wurde. Davor, jedenfalls hat sie mir das erzählt, war sie sogar aktives Mitglied im Kirchenvorstand.« Meredith spülte die Reste des Croissants mit reichlich Kaffee hinunter.

»Alan, glaubst du, dass sie wirklich eine schwarze Messe aufgedeckt haben? Es klingt ziemlich unheimlich. Eine schwarz umhüllte Kerze auf dem Altar.« Er blickte sie zweifelnd an.

»Gab es keine anderen Spuren, keine umgedrehten Kreuze, keine Pentagramme, nichts?« Er schnitt eine Grimasse.

»Und nach allem, was wir erfahren haben, eignete sich Kimberley wohl kaum als Opferjungfrau, oder?« Er verstummte, dann murmelte er:

»Ein schwarzes Stück Stoff, Kerzen, Blumen … An was denkst du, wenn du das hörst?«

»Nachdem wir gerade auf Eunice Greshams Begräbnis waren – ein Beerdigungsgottesdienst vielleicht?«

»Oder ein Requiem.« Meredith stützte die Ellbogen auf den Plastiktisch.

»Für Kimberley?« Markby stieß einen unterdrückten Fluch aus.

»Ich wünschte nur, ich könnte mehr über das herausfinden, was vor zwölf Jahren in dieser Kirche los war!«

»Dann frag doch Mrs. Etheridge und Derek Archibald! Sie waren beide Mitglieder im Kirchenvorstand.«

»Das werde ich auch, gleich morgen. Ich hoffe nur, Derek Archibald ist weniger scheinheilig als seine Frau. Sie gehört zu der ›Die-Welt-ist-vollkommen-kaputt‹-Sorte.«

»Derek war im Kirchenvorstand, also ist er wahrscheinlich nicht viel besser.« Markby stöhnte.

»Wir machen uns besser wieder auf den Weg und reden mit Susan Tempest. Sie wird wahrscheinlich genauso selbstgerecht sein.«

»Mit ihrer Vergangenheit?«

»Das sind genau diejenigen, welche«, sagte er zu ihr.

»Je mehr sie zu verbergen haben, desto respektabler geben sie sich nach außen hin.«

»Du Zyniker«, beschuldigte sie ihn.

»Polizist, nicht Zyniker«, entgegnete er. Sie fuhren weiter nach Wales hinein, über gewundene Bergstraßen mit Hängen, auf denen Schafe weideten. Sie hatten die Fernstraße verlassen. Auf der einen Seite plätscherte ein Wildbach munter dahin, und in der Ferne erhoben sich kahle Berggipfel durch den Dunst hindurch. Vereinzelte Ruinen erinnerten den Besucher an die wilde Vergangenheit des Landes. Sowohl Meredith als auch Alan waren längst verstummt. Alan dachte wahrscheinlich an die bevorstehende Befragung. Mere dith gingen eine Menge alter Erinnerungen durch den Kopf. Als sie sich der nordwalisischen Küste näherten, kam die Sonne hervor. Doch der Wind ließ nicht nach. In Rhos-on-Sea war die Promenade von tobender Gischt überspült. Die Wellen brandeten wie irrsinnig gegen die Kaimauer und sandten Schauer von Kieselsteinen und Sand über die Straße. Strände und Promenade lagen verwaist, trotz des Sonnenscheins. Urlauber drängten sich in Cafés und Restaurants oder unternahmen Ausflüge ins Hinterland. Susan Tempests Haus stand im krassen Gegensatz zum Tosen des Ozeans und dem stürmischen Wind. Es sah aus wie eine Oase der Ruhe. Es war ein großer Bungalow mit weißen Wänden, der in einem gepflegten Garten ein Stück weit von der Straße zurückstand. Er hatte Stabwerk-Fenster, und die Eingangstür war durch eine verglaste Veranda vor Wind und Wetter geschützt. Im Innern hingen zu beiden Seiten der Tür große Kästen mit Geranien und Lobelien. Alles sah gemütlich und äußerst respektabel aus. Markby fuhr an den Straßenrand.

»Ich werde vielleicht eine Stunde weg sein. Warum fährst du nicht weiter nach Llandudno und siehst dich ein wenig um? Halt nach einem schicken Restaurant Ausschau.« Sie sah ihm hinterher, während er über den Weg zur Tür ging und die Tür der Veranda öffnete. Markby trat ein und betätigte die Glocke. Meredith hätte jetzt eigentlich weiterfahren sollen, doch mit der Ausrede, dass sie zuerst sicher sein wollte, ob jemand Markby öffnete oder ob niemand zu Hause war, blieb sie noch. Die Wahrheit lautete allerdings, dass sie genauso neugierig war wie Markby selbst zu sehen, was für eine Person diese Susan Tempest war. Die Tür wurde geöffnet. Meredith erhaschte einen undeutlichen Blick auf eine weibliche Gestalt, untersetzt und enttäuschend normal. Markby trat ein, und die Tür wurde wieder geschlossen. Meredith stand im Begriff davonzufahren, als sie das Geräusch eines Motorrads vernahm. Überrascht, dass jemand an einem Tag wie diesem mit dem Motorrad unterwegs war, blickte sie in den Rückspiegel und sah hinter sich eine ledergekleidete Gestalt herankommen, gesichtslos hinter der rauchglasfarbenen Scheibe des Sturzhelms. Das Motorrad hielt an, die Gestalt stieg von der Maschine, zögerte einen Augenblick und kam dann zum Wagen. Sie nahm den Helm ab und beugte sich zum Fenster der Fahrertür hinunter. Es war ein Jugendlicher von vielleicht neunzehn Jahren mit langen braunen Haaren und unreiner Haut. Meredith kurbelte das Fenster herunter, und beide blickten sich abschätzend an.

»Halten Sie mich bitte nicht für frech oder so etwas«, sagte der Jugendliche, »aber dürfte ich erfahren, was Sie hier draußen vor unserem Haus suchen?«

»Mr. Tempest?«, erkundigte sich Meredith.

»Ich bin Glyn Tempest, ja. Mr. Tempest war mein Vater. Er ist tot. Sie haben nicht zufällig etwas mit der Polizei zu tun, oder? Weil sich nämlich für heute irgend so ein hohes Tier von der Polizei bei meiner Mutter angemeldet hat.«

»Ja – ich meine nein. Ich bin keine Polizistin, aber Superintendent Markby ist soeben nach drinnen gegangen.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und der Wind zerzauste sein langes Haar.

»Ich bin vorbeigekommen, weil ich Mutter helfen wollte«, sagte er.

»Sie hat genug durchgemacht. Erst wurde Dad vor ein paar Jahren getötet, und jetzt das hier. Es ist nicht ihre Schuld! Ich meine, das alles liegt doch in der Vergangenheit!«

»Ich bin sicher, Superintendent Markby wird die Befragung mit dem gebotenen Takt durchführen.«

»Das wäre auch besser für ihn!«, sagte Glyn trotzig.

»Dafür werde ich sorgen!« Er stapfte über den Weg zum Haus davon, den Helm unter den Arm geklemmt, und öffnete die Eingangstür. Als er im Innern verschwunden war, überlegte Meredith, ob sie bleiben sollte – für den Fall, dass Markby Unterstützung benötigte. Doch er war wahrscheinlich durchaus im Stande, mit Glyn Tempest fertig zu werden, der trotz seiner Drohgebärden kein besonders kräftig gebauter junger Mann war.

»Mama kann Ihnen nicht helfen! Ich weiß überhaupt nicht, warum Sie gekommen sind und sie belästigen!«

Markby warf Glyn Tempest einen verärgerten Blick zu. Er war nicht den ganzen weiten Weg hier heraus gefahren, um sich mit einem pickligen Grünschnabel in Ledermontur zu unterhalten.

»Schon gut, Glyn, schon gut«, sagte Mrs. Tempest besänftigend.

»Warum gehst du nicht in die Küche und kochst uns allen einen Kaffee?«

Glyn funkelte Markby an, doch dann erhob er sich und stapfte nach draußen. Markby hörte das Klappern von Geschirr und Tassen.

»Seit Jack tot ist, glaubt er, dass er sich um mich kümmern muss«, erklärte Susan Tempest und lächelte ihren Besucher nervös an.

»Ich bin nicht in der Absicht gekommen, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten«, sagte Markby.

»Ich wollte mich lediglich mit Ihnen unterhalten. Wir müssen eine Akte über Kimberley Oates anlegen, verstehen Sie? Wir müssen wissen, wo sie war, was sie gemacht hat, wen sie während ihrer letzten Tage gesehen hat. Hatte sie Kontakt zu irgendjemandem? Hat sie etwas geschrieben oder telefoniert? Weiß irgendjemand einen Namen, den wir noch nicht kennen, eine Person, die wir befragen könnten? Wir müssen wissen, was für ein Mensch Kimberley war. Und das scheint schwierig zu werden.«

»Da hätten Sie sich mit meiner Mutter unterhalten müssen.« Susan wandte den Blick ab, zum Fenster und hinaus auf das Meer.

»Sie hat Kimberley großgezogen. Ich kann Ihnen nichts über sie sagen. Ich kannte sie nicht, nicht mehr, seit sie ein Jahr alt war. Vermutlich denken Sie jetzt, ich war eine schlechte Mutter.«

»Es ist nicht an mir, so etwas zu denken«, entgegnete Markby protestierend. Sie drehte den Kopf zu ihm und starrte ihn trotzig an.

»Ich wollte sie nicht im Stich lassen. Als ich nach Wales kam, dachte ich, ich könnte ein neues Leben anfangen. Ein neues Heim für uns beide schaffen. Wenn alles fertig gewesen wäre, hätte ich Kim zu mir geholt. Ich blieb mit ihr in Verbindung, schrieb Briefe und schickte Geschenke. Ich meinte es wirklich ernst! Aber ich war sehr jung, und ich hatte keine Ahnung, wie schwer es werden würde! Ich wusste, dass es Kim gut ging. Ich wusste, dass Mutter sich um sie kümmerte. Und nach und nach wurde mir klar, dass ich ganz allein nicht mit einem Baby fertig werden konnte und zugleich einen Vollzeitjob annehmen, um für ein anständiges Heim zu sparen. Also verschob ich den Tag immer weiter in die Zukunft. An dem ich Kimberley zu mir holen würde, meine ich.« Die Tür schwang auf, und Glyn trampelte mit einem Tablett herein, auf dem drei dampfende Becher Kaffee mit Löffeln darin standen. Er stellte das Tablett ungeschickt auf den Tisch.

»Warum hast du nicht die guten Tassen genommen?«, tadelte ihn seine Mutter.

»Was soll der Superintendent denn denken?«

»Es ist ihm sicher egal«, entgegnete Glyn.

»Das ist es tatsächlich. Ich persönlich trinke meinen Kaffee immer aus Bechern.« Markby bemächtigte sich eines stark aussehenden Gebräus. Glyn war zu einem Stuhl gegangen und hatte sich darauf fallen lassen. Er funkelte Markby an und rührte laut in seinem Kaffee.

»Jedenfalls«, fuhr seine Mutter fort, »eines Tages lernte ich Jack kennen. Er hatte eine gute Arbeit, und ich wusste, wenn ich ihn heirate, könnten wir eine Hypothek aufnehmen und uns ein Haus kaufen. Aber das war nicht der Grund, aus dem ich ihn geheiratet habe. Ich liebte ihn. Er war ein sehr attraktiver Mann …« Ihr Blick wanderte zu einer Fotografie.

»Er war ein guter Ehemann und ein guter Vater für Glyn und Julie. Er hatte eine starke Persönlichkeit, wenn Sie wissen, was ich meine. Er glaubte daran, dass ein Mann Herr in seinem eigenen Haus sein sollte. Er mochte es nicht, wenn jemand ihm widersprach. Er wollte immer das Sagen haben, und er hatte sehr konkrete Vorstellungen über das, was richtig war und falsch. Er war jedenfalls nicht die Sorte Mann, dem ich … dem ich hätte sagen können, dass ich schon ein Kind hatte. Also verschwieg ich es. Wir heirateten. Dann wuchs in mir die Angst, dass Mama mich finden und mit Kimberley im Arm vor der Tür stehen könnte. Deswegen … deswegen habe ich nach und nach aufgehört zu schreiben. Ich weiß, ich habe nie eine Adresse angegeben, aber ich hatte trotzdem Angst, dass Mama mich irgendwie finden könnte. All die Jahre hat mich die Angst verfolgt. Dann, viele Jahre später, kam eines Tages die Polizei bei mir vorbei und sagte, dass Kim von Mutter weggelaufen sei. Sie wollten wissen, ob ich sie gesehen hätte. Alles kam heraus. Jack war außer sich vor Wut. Aber damals hatten wir schon die Kinder, und irgendwie fanden wir wieder zusammen. Ich gestehe, dass ich schreckliche Angst hatte, Kimberley könnte den Weg zu mir nach Wales finden. Jack hatte schließlich gesagt: ›Also gut, reden wir nicht mehr darüber.‹ Aber wenn Kim wirklich aufgetaucht wäre, weiß ich nicht, was Jack getan hätte.« Sie sah zu ihrem Sohn.

»Tut mir Leid, Glyn. Aber du weißt selbst, wie dein Vater gewesen ist.« Vor Markbys geistigem Auge stieg das Bild von Kimberley Oates auf, die von ihrer Großmutter überrascht wurde, als sie alte Weihnachts- und Geburtstagskarten angesehen hatte und nach einem Hinweis über den Verbleib ihrer verschwundenen Mutter suchte. Es war nicht an ihm, Susan zu verurteilen. Im Gegenteil. Er konnte sich unmöglich ein vollständiges Bild machen. Susan hatte sich eine Geschichte zurechtgelegt, die sie selbst zufrieden stellte. Sie glaubte an all das, was sie ihm erzählt hatte. Genauso war es gewesen. Sie hatte die Erinnerung an ihre Jugend keimfrei gemacht, von anstößigen Stellen befreit, bis sie akzeptabel war. Markby fragte sich, wie sie, als sie in die Enge getrieben worden war und keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte, ihrem Mann gegenüber die Umstände ihrer Empfängnis geschildert haben mochte. Irgendeine aalglatte Geschichte, die Tempest schließlich akzeptiert hatte. Sie würde sich kaum als die eigensinnige, wilde Göre dargestellt haben, an die sich Mrs. Archibald oder Daisy Merrill erinnerten. Markby spürte einen Anflug von Ärger, weil er mehr als nur einen Hauch von Scheinheiligkeit roch. Dieses Zimmer, der ganze Bungalow, strahlte eine erbarmungslose, veraltete Vornehmheit aus. Alles war auf Hochglanz poliert und gesaugt und staubfrei und stand genau an der vorgesehenen Stelle. Falls es irgendwelche Schönheitsfehler gegeben hatte, waren sie längst ausgemerzt, genauso gründlich, wie Susan es mit ihrer eigenen Vergangenheit gemacht hatte. Markby betrachtete das große Porträt des verstorbenen Jack Tempest, der ihm von einem kleinen Wohnzimmertisch entgegenlächelte. Ein dunkelhaariger Typ mit buschigen Augenbrauen und eisernem Unterkiefer. Frauen fanden Männer wie ihn häufig attraktiv. Glyn sah seinem Vater nicht sonderlich ähnlich. Vielleicht war das der Grund, aus dem er in Ledermontur herumlief wie Darth Vader und auf seinem Motorrad durch die Gegend fuhr. Um die fehlende äußerliche Ähnlichkeit zu kompensieren. Er wirkte in seiner Lederkluft jedenfalls fehl am Platz in dem sauberen, ordentlichen Zimmer. Markby fragte sich, wie seine Schwester sein mochte. Ihr Name war Julie, hatte Mrs. Tempest ihm verraten. Sie war Krankenschwester.

»Haben Sie je mit Ihrer Mutter telefoniert?«, fragte er. Sie schüttelte elend den Kopf.

»Nein. Ich hatte Angst. Ich weiß, wie schlimm das nach außen hin aussehen muss.«

»Es war nicht deine Schuld!«, sagte Glyn laut dazwischen. Markby ignorierte ihn.

»Haben Sie vielleicht noch andere Verwandte? Oder vielleicht einen Freund der Familie, mit dem Kimberley Kontakt hätte aufnehmen können?«

»Nein. Ich habe Kim nicht vergessen!« Ihr Trotz kehrte zurück. Fast energisch starrte sie Markby an.

»Aber der Gedanke an sie hat so große Schuldgefühle in mir erweckt, dass ich alles abgeblockt habe. Das war einfacher. Mama genauso! Ich habe sie immer noch geliebt, und sie hat mir gefehlt. Ich wollte wissen, wie es ihr ging. Glyn und Julie haben ihre Großmutter nie kennen gelernt. Ich wusste, dass es falsch war, und es tat mir unendlich Leid – aber was sollte ich tun? Auch ich litt darunter!«

»Haben Sie nicht versucht, Verbindung aufzunehmen, nachdem Ihr Mann gestorben war?« Er fühlte sich grausam, doch er war hergekommen, um Fragen zu stellen. Er wünschte, der Junge würde gehen. Ohne ihn würde sie ihm vielleicht Dinge anvertrauen, die sie vor ihrem Sohn nicht ansprach. Auf der anderen Seite spürte Markby, dass sie aus seiner dunklen, brütenden Gegenwart eine gewisse Kraft zog. Sie lehnte Markbys Hiersein nicht annähernd so sehr ab, wie sie es wohl getan hätte, wenn sie mit ihm allein gewesen wäre und in die Ecke gedrängt.

»Nein, habe ich nicht.« Ihre Stimme war fast unhörbar.

»Ich habe mich nicht einmal getraut, nach Hause zu gehen, als Mama starb, nicht einmal zu ihrer Beerdigung. Ich habe den Nachlassverwalter angeschrieben, ihre gesamte Habe der Heilsarmee zu übergeben!« Sie räusperte sich und versuchte es erneut.

»Ich habe mich nach Jacks Tod nicht bei ihr gemeldet, weil es da bereits zu spät war. Ich hätte zu viel erklären müssen, zum Beispiel, warum ich überhaupt weggegangen war. Ich hätte Glyn und Julie alles erklären müssen. Dass sie eine Großmutter hätten, die sie nie kennen gelernt haben, und … und eine … und dass ich eine weitere Tochter hatte. Sie hätten mich angesehen und sich gefragt, was für ein Mensch ich war. Was für eine Mutter. Sie würden sich gefragt haben, ob ich sie nicht auch eines Tages verlasse …«

»Nein, hätten wir nicht!«, unterbrach sie Glyn.

»Wir lieben dich, Mutter! Wir hätten dich verstanden, Julie und ich!« Sie sah ihren Sohn dankbar an, und als sie sich wieder Markby zuwandte, hatte sie neue Selbstsicherheit gefunden.

»Es tut mir wirklich Leid, Superintendent, alles, was geschehen ist. Ich hoffe, Sie finden den … den Mörder Kims. Es tut mir so Leid, dass sie ermordet wurde. Das klingt kaum angemessen, ich weiß, aber was sonst soll ich sagen? Ich kann es nicht ungeschehen machen. Ich kann die Dinge nicht ändern, die vorbei sind. Es tut mir Leid. Es tut mir wirklich Leid. Aber ich kann nichts mehr ändern. Das können wir nie, oder?«

»Nein«, sagte Markby leise.

»Das können wir nicht.«

»Wenn ich ganz ehrlich sein soll, Superintendent, dann muss ich gestehen, dass ich jede Chance verloren hätte, mit Jack glücklich zu werden, wenn ich Kim vor all den Jahren hierher nach Wales gebracht hätte. Und dann hätte ich meiner Tochter die Schuld gegeben. Alles wäre die Schuld des armen kleinen Dings gewesen, aber ich hätte wahrscheinlich nicht anders gekonnt. Ich bin nur ein Mensch. Ich war sehr jung, als ich sie bekam. Jünger, als es meine Tochter Julie heute ist. Jünger als Glyn! Ich war selbst noch ein Kind. Ich hätte Kim vielleicht zur Adoption freigeben sollen. Aber ich dachte, Mama würde es schaffen, und auf diese Weise hatte wenigstens Kim eine Großmutter. Sie wuchs in ihrer eigenen Familie auf. Ich wusste, wo sie war. Hätte ich sie zu Fremden gegeben, hätte ich nie gewusst, was aus ihr geworden ist.« Der Fehler in ihrem Gedankengang wurde ihr bewusst, und mit einem Seufzer fügte sie hinzu:

»Aber ich wusste sowieso nicht, was aus ihr wurde, nicht wahr? Sie wissen, was ich meine. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass es Kim gut ging, weil sie bei meiner Mutter war. Je mehr Zeit verging und je länger ich nicht zu Hause war, desto mehr dachte ich, dass es für Mutter ebenfalls gut war. Ich dachte, na ja, wenigstens hat sie Kim! Sie ist nicht allein. Ich dachte, wahrscheinlich sind sie miteinander ganz glücklich. Ich dachte, ich habe wirklich fest geglaubt, dass sich alles zum Besten gewendet hat. Wenn ich mich gemeldet hätte, würde ich nur das Boot zum Schwanken gebracht haben. Jeden aufgeschreckt und sämtliche Übereinkommen gestört, die sich mit den Jahren entwickelt hatten.« Offensichtlich ist ihr nicht in den Sinn gekommen, dachte Markby, oder vielleicht hat sie den Gedanken auch nur unterdrückt, dass Joan Oates vielleicht lieber auf die Arbeit und die Sorgen verzichtet hätte, die ein Kind mit sich bringt. Und das in einem Alter, in dem Joan vielleicht gehofft hatte, dass das Leben endlich ein wenig einfacher werden würde. Nachdem sie bereits ein schwieriges Kind großgezogen hatte. Susan Tempest wurde allmählich aggressiv.

»Ich konnte doch nicht wissen, dass sie ermordet wurde! Woher sollte ich das wissen? Es war ein schrecklicher Schock, in den Zeitungen darüber zu lesen, über die … die Knochen, die man in diesem Grab gefunden hatte. Zuerst war es nur ein Bericht in den Medien, über irgendetwas, das sich in Bamford ereignet hat. Aber ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, weil es hieß, die Knochen hätten seit zwölf Jahren dort gelegen, und das war ungefähr die Zeit, zu der Kim verschwunden war und die Polizei zu mir kam. Dann kam wieder die Polizei hierher. Sie hatten mich von der Adresse aus verfolgt, wo wir vor Jacks Tod gewohnt hatten. Sie sagten, die Tote sei Kim. Ich fühlte mich wie betäubt. Mit so etwas rechnet man nicht.« Ihre Augen blitzten ihn trotzig an, und sie verschränkte die kleinen dicken Hände im Schoß. Eine altmodische MahagoniUhr auf dem Sideboard schlug die Zeit.

»Nein«, sagte Markby und erhob sich.

»Mit so etwas rechnet man nicht. Danke sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit mir zu sprechen. Danke für den Kaffee, Glyn.«

»Kein Problem«, antwortete der Junge.

Meredith war durch Penrhyn Bay an der Küste entlanggefahren, im Schatten des Berges, der Little Orme genannt wurde, und weiter nach Llandudno hinaus. Sie war seit Jahren nicht mehr dort gewesen, doch sie erinnerte sich noch aus ihren Urlauben in Kindertagen an die Gegend. Sie erinnerte sich an die Spielhalle, wo sie ganze Nachmittage damit verbracht hatte, den Penny-Automaten zu überlisten, an den Pier, die ›Punch and Judy‹-Show. Sie parkte den Wagen auf der Promenade vor Craig-y-Don und stieg aus.

Der Wind wehte ihr ins Gesicht und brachte salzige Seeluft heran. Die Wellen brüllten und donnerten gegen den Strand. Sie schlenderte mit gesenktem Kopf über die Promenade, die Hände tief in den Taschen vergraben. Die Eiskremverkäufer machten an diesem Tag kein gutes Geschäft.

Sie fand den Park und den Bowlplatz, menschenleer wegen des Wetters, und die Minigolfanlage, auf der sie als Kind kleine Triumphe gefeiert hatte. Doch sie war von den Stammgästen auf der Bowlanlage immer wieder abgewiesen worden, intolerant gegenüber kindlichen Zuschauern und unerfahrenen Spielern auf dem geheiligten Grün. Alles schien im Rückblick so lange her und verschwommen. Sicher hatte es auch damals hin und wieder geregnet oder gestürmt wie heute, doch nicht in ihrer Erinnerung. In ihrer Erinnerung hatte immer die Sonne geschienen. Auch Erinnerungen an ihre Eltern stiegen wieder auf. Ihre Mutter in einem Marinekostüm mit den weißen Paspeln und den weißen Sandalen und ihr Vater in seinen kurzärmeligen ›Freizeithemden‹. Fast hätte sie Alan vergessen! Sie musste sich beeilen, um zum Wagen zurückzukehren, und so schnell wie möglich nach Rhos-on-Sea fahren.

Sie kam gerade rechtzeitig. Glyns Motorrad stand nicht mehr an der Straße, sondern in der Auffahrt an der Seite des Bungalows. Offensichtlich hatte Markby die Ankunft des Jungen überstanden. Als sie den Wagen zum Straßenrand lenkte, wurde die Tür des Bungalows geöffnet, und er trat heraus. Eine Frau begleitete ihn, und sie blieben noch ein paar Minuten in der verglasten Veranda stehen und redeten. Jetzt konnte Meredith sie deutlicher sehen. Sie war matronenhaft, Ende vierzig und trug eine schicke weiße Bluse und einen blauen Rock. Sie fuchtelte nervös mit den Händen, während sie sprach, doch als Markby sich endlich zum Gehen wandte, reichte sie ihm die Hand. Als sie Meredith im wartenden Wagen bemerkte, winkte sie ihr freundlich zu. Automatisch hob Meredith die Hand und erwiderte den Gruß. Das also war Susan. Kein Flittchen, kein hartherziges Monster, sondern nur eine verängstigte kleine Frau, die sich mit Ellbogen und Krallen einen Weg in die Respektabilität gebahnt hatte und nun fürchtete, sie wieder zu verlieren. Die Feindseligkeit, die Meredith gegenüber der abtrünnigen Mutter Kimberleys empfunden hatte, löste sich in nichts auf, nachdem sie die Frau mit eigenen Augen sehen konnte. Wenn Joan Oates ihre verlorene Tochter von oben sehen konnte, wie sie zwischen den Blumenkübeln in der Tür ihres blitzsauberen kleinen Bungalows stand, war sie wahrscheinlich zufrieden. Susan hatte sich, trotz eines unglücklichen Anfangs, doch noch gemacht. Für Kimberley war es jedoch zu spät gekommen.

»Was war?«, fragte Meredith ungeduldig, als sie ein wenig später in einem kleinen italienischen Restaurant in einer Seitenstraße saßen.

»Nicht besonders viel. Der Junge kam gleich zu Anfang hinzu. Aber das weißt du ja wohl. Er hat gesagt, dass er mit dir gesprochen hätte. Ich war zuerst nicht besonders erfreut, aber wie sich hinterher herausstellte, war es besser so. Sie brauchte seine moralische Unterstützung. Sie war überraschend offen, unter den gegeben Umständen.«

Markby runzelte die Stirn.

»Trotzdem hat sie Lügen erzählt. Unbewusste Lügen wahrscheinlich, oder vielleicht auch ganz bewusste. Ich wünschte, ich könnte sicher sein. In all den Jahren hat sie sich die Geschichte immer und immer wieder zurechtgelegt. Sie glaubt an das, was sie mir erzählt hat. Sie hatte nicht vor, Kimberley im Stich zu lassen, doch die Ereignisse hinderten sie, das Kind nach Wales zu holen und so weiter.

Es wäre durchaus möglich gewesen. Einige Teile ihrer Geschichte entsprechen der Wahrheit. Andere sind ein wenig zurechtgebogen. Offensichtlich ist sie dem Jungen und seiner Schwester eine ausgezeichnete Mutter gewesen, und beide denken nur Gutes über sie. Auf der anderen Seite habe ich im Lauf der Jahre mit genügend Fällen von Grausamkeit gegenüber Kindern zu tun gehabt, um zu wissen, dass häufig ein Kind aus dem ein oder anderen Grund vernachlässigt und verstoßen wird und die anderen Kinder in der Familie umso besser umsorgt aufwachsen.

Ich kann nur sagen, dass sie wahrscheinlich nicht mehr im Stande ist, die Wahrheit zu erzählen. Die Angst ist nicht vorbei, aber sie hat ihr Bestes gegeben, um etwas aus ihrem wenig versprechenden Leben zu machen, und das ist ihr einigermaßen gelungen. Es tat ihr wirklich Leid, dass Kimberley ermordet wurde.«

»Es tat ihr Leid!« Meredith stierte ihn an.

»Mehr hat sie nicht dazu zu sagen?«

»Sie wusste, dass die Worte unangemessen sind. Sie hat es selbst gesagt. Aber was sollte sie sonst noch sagen? Sie hatte Kimberley nicht mehr gesehen, seit das Baby ein Jahr alt gewesen war. Als Kimberley verschwand, hatte sie Angst, sie könnte vor ihrer Tür auftauchen. Heute schämt sie sich deswegen, doch vor zwölf Jahren war sie verheiratet, hatte andere Kinder und vor allen Dingen einen Mann, der nichts von ihrer Vergangenheit wusste. Es war ein Schock für sie, als sie in der Zeitung über das Skelett las und als sie erfuhr, dass Kim – so nannte sie ihre Tochter – tot war. Sie konnte mir nicht mehr dazu sagen. Vielleicht war es Zeitverschwendung, hierher zu fahren. Andererseits findet man immer irgendetwas heraus. Selbst wenn die Menschen lügen.« Verzweiflung also war das Motiv für Susan Tempests Verhalten gewesen. Verzweiflung konnte zu verzweifelten Handlungsweisen führen. Selbst zu Mord? Markby verdrängte diesen höchst unangenehmen Gedanken fürs Erste aus seinem Kopf, wo er, wie Markby genau wusste, weiter lauern würde.

»Ich hoffe nur«, sagte er, »dass Bryce bei Jennifer Fitzgerald mehr erreicht.«

»Wer um alles in der Welt ist das denn nun schon wieder?«, fragte Meredith mit einer Gabel voller Spaghetti vor dem Mund.

»Jennifer Jurawicz. Die andere Kellnerin auf dem Foto. Wenn ich’s mir genau überlege, erwarte ich mir ein paar aufschlussreiche Erkenntnisse aus ihrer Befragung. Ich wünschte, ich wäre selbst hingefahren. Andererseits ist Jennifer noch jung und spricht wahrscheinlich offener, wenn sie einer gleichaltrigen Frau gegenübersitzt, deswegen habe ich Louise Bryce hingeschickt. Junge Frauen reden doch gerne untereinander, oder? Geschichten über Jungen und so weiter?«

»Du scheinst plötzlich so sachkundig zu sein«, sagte Meredith.

»Glaubst du, Kimberley könnte dieser Jennifer Jurawicz irgendwelche Geheimnisse anvertraut haben?«

»Hoffen wir’s«, antwortete Alan.

»Ja, ich erinnere mich an Kim Oates!«, sagte Jennifer Fitzgerald.

»Ich mochte sie recht gerne. Wir kamen gut miteinander aus.« Bryce entspannte sich. Es war ein weiter Weg von Bamford nach Nottingham. Sie wusste nicht, wie der Chef vorankam, auf dem Weg nach Nord Wales, doch das Wetter hatte Bryces eigene Fahrt gefährlich genug gemacht. Jennifer lebte in einem freundlichen neuen Haus in einem frisch erschlossenen Neubaugebiet. Sämtliches Mobiliar war neu. Die Teppiche und Vorhänge waren neu und rochen immer noch nach den Läden, wo sie gekauft worden waren. Das Spülbecken in der Küche, wo Jennifer Tee gemacht hatte, sah aus wie frisch poliertes Silber. Bryce hatte alles gebührend bewundert.

»Wir haben alles neu gekauft, als wir eingezogen sind«, berichtete Jennifer mit strahlendem Lächeln.

»Wir hatten nur alte Sachen, als wir heirateten, was die Leute uns halt gegeben haben. Also warfen wir alles raus. Hübsch, nicht wahr?« Sie sah sich zufrieden in ihrem kleinen Königreich um. Jennifer war eine attraktive Frau in Jeans, Sweatshirt und Turnschuhen. Sie hatte das lange Haar mit Hilfe eines Tuchs zurückgebunden, und in ihren Ohrlöchern baumelten pinkfarbene Plastikringe. Ihr Gesicht besaß slawische Züge, und die weiße Haut ließ eine nordische Abstammung vermuten, wahrscheinlich die baltische Küste. Doch ansonsten unterschied sie sich durch nichts von den anderen jungen Frauen in dieser Gegend.

»Arbeiten Sie?«, fragte Bryce unvermittelt.

»Ich meine, haben Sie einen Job?«

»Ich habe unten in der Poliklinik gearbeitet, am Empfang, bevor die Zwillinge zur Welt kamen. Danach … beides ging nicht, verstehen Sie?« Sie neigte den Kopf und lauschte.

»Im Augenblick scheinen sie eingeschlafen zu sein.« Die Unterredung war fünfzehn Minuten ins Stocken geraten, als Jennifer die beiden pummeligen Babys, die sich glichen wie ein Ei dem anderen, für den Mittagsschlaf hingelegt hatte.

»Erzählen Sie mir über Kimberley«, bat Bryce.

»Mögen Sie noch eine Tasse Tee, Inspector? Warten Sie. Nun ja, Kimberley gehörte zu der Sorte, die gerne ausging. Sie mochte ihren Job, weil sie dadurch zu all diesen Partys kam. Ich weiß, wir waren keine Gäste, aber wir gehörten trotzdem dazu, waren ein Teil davon, wenn Sie verstehen, was ich meine. Mit sechzehn, siebzehn sahen wir keinen Unterschied.« Bryce erinnerte sich deutlich an Markbys warnende Worte, die er ihr mit auf den Weg gegeben hatte.

»Seien Sie vorsichtig mit der Erwähnung von Lars Holden. Man kann den Namen eines Abgeordneten nicht einfach in einer Unterhaltung fallen lassen und erwarten, dass niemand misstrauisch aufhorcht.«

»Es gab Andeutungen«, begann Bryce vorsichtig, »dass Kimberley immer wieder mit Kunden geflirtet haben soll, auch wenn es durch die Firma strengstens verboten war.« Jennifer machte es sich auf ihrem kunstlederbezogenen Sofa bequem und setzte eine weltkluge Miene auf.

»Wissen Sie, wir waren alle noch sehr jung. Es hatte nichts zu bedeuten.«

»Kimberley hat nie mit Ihnen über ihre Freunde gesprochen? Oder besonders von einem?« Jennifer überlegte angestrengt.

»Eigenartig, jetzt, wo Sie danach fragen. Bevor Sie hergekommen sind, habe ich versucht, mich an all meine Gespräche mit Kimberley zu erinnern. Aber es ist schon so lange her, und seit damals ist eine Menge passiert. In meinem Leben jedenfalls!« Sie kicherte.

»Wir konnten es nicht glauben, als der Doktor sagte, dass ich Zwillinge bekommen würde!«

»Ich bin sicher, Sie waren überrascht und voller Freude. Wegen Kimberley …«, unterbrach Bryce.

»Entschuldigung. Selbstverständlich. Sie interessieren sich für Kim. Sie war eine Tagträumerin, in mehr als einer Hinsicht. Aber das sind wir in diesem Alter alle, oder? Sie hatte kein schönes Leben zu Hause. Sie wohnte bei ihrer Großmutter, und die beiden kamen nicht sonderlich gut miteinander aus. Generationskonflikt, schätze ich. Die Großmutter neigte zur Strenge. Kim wollte unbedingt eine eigene Wohnung. Sie erzählte mir, dass sie einen neuen Freund gefunden hätte. Er hätte Geld, und er würde ihr eine eigene Wohnung bezahlen. Das hat sie gesagt. Ich habe es nicht richtig glauben wollen, um ehrlich zu sein. Kim las eine Menge Bücher und Magazine. Ich glaubte, sie hätte sich alles nur ausgedacht. Wo hätte sie in Bamford einen reichen Freund kennen lernen sollen, frage ich Sie?« Erneut lachte Jennifer trällernd.

»Vielleicht während einer der Partys, die von der Firma beliefert wurden?«, schlug Bryce vor.

»Oh, dort. Ja, sicher. Vielleicht hat sie dort jemanden kennen gelernt.« Jennifers Stimme ließ Zweifel durchblicken, und sie kaute auf ihrer Lippe.

»Sie erinnern sich nicht an eine besondere Gelegenheit, zu der Kimberley, wie soll ich sagen, im Verlauf des Abends für eine Weile verschwand?« Jennifer bedachte Bryce mit einem altmodischen Blick.

»Ich weiß, was Sie meinen. Ich sage nicht, dass so etwas nie passiert ist. Aber Kim hätte nicht lange wegbleiben können, ohne dass es Ärger gegeben hätte. Ein schneller Kuss, ein paar Liebkosungen in einer Umkleidekabine vielleicht, aber bestimmt nicht mehr. Obwohl …« Jennifers muntere Selbstsicherheit bröckelte.

»Wenn ich sage Ärger, dann meine ich, dass sie rausgeflogen wäre. Nicht die andere Art von Ärger. Aber jetzt, wo Sie es erwähnen, fällt mir etwas ein …« Jennifers Verlegenheit wuchs.

»Ich war nicht ganz sicher. Aber in den letzten paar Wochen, bevor Kim verschwand, von Bamford wegging oder was auch immer, schien sie ständig zuzunehmen. Sie war nie ausgesprochen schlank, wissen Sie, aber zu dieser Zeit hatte sie um die Taille herum beträchtlich zugelegt. Wir trugen gerade schwarze Röcke auf der Arbeit, und man konnte sehen, dass Kim ihren nicht mehr richtig zubekam und ihr Bauch vorne hervorquoll. Ich fragte mich, ob sie vielleicht schwanger war, wissen Sie? Ich wollte sie nicht darauf ansprechen. Ich erinnere mich noch, ich sagte: ›Du hast zugenommen, Kim. Vielleicht solltest du nicht mehr so viel naschen.‹ Es war natürlich nur ein Scherz. Immer, wenn es etwas wirklich Köstliches auf einer der Partys gab, haben wir uns einen kleinen Teil abgezweigt. Kim antwortete, dass sie bald eine Diät anfangen würde.« Louise Bryce nickte, doch sie schwieg. Jennifer hatte also bemerkt, dass Kimberley Oates zugenommen hatte – und andere aller Wahrscheinlichkeit nach auch. Doch einzig und allein Simon French, wie es schien, hatte von Kimberleys Geheimnis gewusst.

»Und sie war tatsächlich schwanger, oder?«, fuhr Jennifer fort.

»Ich habe in der Zeitung gelesen, dass sie Knochen von einem ungeborenen Baby bei ihr gefunden haben. Also hatte ich Recht. Aber Sie wissen bestimmt, wie das ist. Damals wollte ich nicht unfair sein, und wir waren alle jung, wie gesagt. Ich wusste nicht genug darüber, wie lange es dauert, bis sich eine Schwangerschaft zeigt und so weiter. Heute weiß ich es! Besonders mit Zwillingen! Ich war breit wie ein Haus! Na ja, nicht lange danach ging Kim fort. Ich weiß nicht, wohin sie verschwunden ist. Ich erinnere mich noch, dass es an dem Abend ein schreckliches Durcheinander gab, als sie nicht zur Arbeit kam.« Jennifer umklammerte die Knie mit den Händen und senkte den Blick.

»Es war ein schrecklicher Schock für mich, als ich hörte, dass sie ermordet worden war und man ihre Knochen in diesem Grab gefunden hatte. Ich konnte abends nichts essen, und das, obwohl wir mit ein paar Freunden in ein Restaurant gegangen waren. Ich saß nur da, und Paul brachte mich früh nach Hause. Es war eine Schande, wirklich. Wir hatten den Babysitter geholt und alles. Aber ich konnte kein Essen sehen, nicht bei dem Gedanken an die arme Kim! Ich hoffe so, dass sie nicht … nicht gelitten hat, wissen Sie? Ich hoffe, dass es schnell ging … wer auch immer sie getötet hat.«

»Sonst erinnern Sie sich an nichts? Keine Einzelheiten, nicht das kleinste bisschen? Scheuen Sie sich nicht, es zu sagen, auch wenn Sie sich nicht sicher sind. Wir werden es überprüfen«, drängte Bryce. Jennifer sah auf und schob sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht.

»Doch. Kurz vor dem Ende, ich meine, bevor Kim verschwand, hatte sie Geld. Ich meine, mehr Geld als das, was sie normalerweise verdiente. Deswegen dachte ich auch, als sie verschwand, dass sie weggegangen wäre, um sich irgendwo ein neues Leben aufzubauen. Weil sie dieses Geld hatte. Ich weiß, ich glaubte ihr nicht, als sie erzählte, sie hätte einen reichen neuen Freund, aber vielleicht hatte sie doch die Wahrheit gesagt. Irgendwoher musste sie das Geld schließlich haben. Von ihrer Großmutter konnte es nicht sein, die hatte selbst kein Geld.«

»Wie viel Geld?« Bryce beugte sich eifrig vor.

»Das hat Kim nicht gesagt. Sie wollte nicht darüber reden. Ich habe es gesehen … ich habe gesehen, wie sie ein Bündel Banknoten in ihrer Tasche verstaut hat. Es war abends, und wir zogen uns um, um nach Hause zu gehen. Ich kam in den Umkleideraum und sah, dass sie alleine war. Sie bemerkte mich und schrak zusammen, und dann sagte sie: ›Oh, du bist es nur, Jen!‹«

»Ich fragte: ›Was hast du gemacht? Hast du im Lotto gewonnen?‹ Sie lachte nur. Sie sagte, es sei ein Geschenk, sie sollte sich etwas davon kaufen. Ich sagte: ›Ein ziemlich großzügiges Geschenk!‹, denn ich schätze, der Dicke des Bündels nach zu urteilen, müssen es wenigstens zweihundert Pfund gewesen sein.«

»Jennifer!«, drängte Bryce.

»Bitte versuchen Sie, sich zu erinnern, wann das war! War es in einem privaten Haus? Oder in einem Club? Wo?«

»Eine After-Dinner Party, die von unserer Firma beliefert worden war. Irgendetwas … Politisches, glaube ich. Nicht in einem Privathaus, sondern in einem Saal. In einem dieser Säle, in denen politische Vorträge gehalten werden. Fragen Sie mich nicht nach der Partei, ich weiß es nicht mehr.« Jennifer bedachte Bryce mit einem gehetzten Blick.

»Vermutlich könnte sie es auch gestohlen haben. Aber niemand meldete einen Gelddiebstahl. Ich glaube auch nicht, dass Kim so etwas getan hätte. Sie war keine Diebin. Hätte sie derartige Neigungen gezeigt, wäre sie auf der Stelle gefeuert worden. Ich sage Ihnen, was ich gedacht habe. Es ist schrecklich, ich hätte es nicht denken sollen. Aber manchmal habe ich mich gefragt, hin und wieder, ob Kim … Ich weiß, sie ist tot, und man soll nicht schlecht von den Toten sprechen. Es ist nicht fair. Sie können sich nicht mehr wehren.«

»Jennifer!«, sagte Bryce entschieden.

»Jetzt ist nicht die Zeit, um zimperlich zu sein. Kim ist bereits tot, und wir wollen wissen, wer es getan hat, wie es geschehen ist und vor allen Dingen warum!«

»Ja, ja. Ich weiß.« Jennifer sah beschämt aus.

»Paul hat gesagt, dass ich Ihnen alles erzählen soll, auch die nicht so schönen Dinge. Die Wahrheit ist, manchmal habe ich mich gefragt, ob Kim vielleicht … ob sie vielleicht nebenbei auf den Strich gegangen ist.«

»Diese Frage haben wir uns auch schon gestellt«, sagte Bryce seufzend. Schließlich war die Zahl der Männer begrenzt, die sie nach all den Jahren noch aufzuspüren hoffen konnten.

KAPITEL 13

»SCHWEIGEGELD!«, sagte Bryce.

»Ganz bestimmt war es das!« Es war am nächsten Morgen. Der Sturm hatte nachgelassen, doch es nieselte bereits wieder. Markby saß im grauen Licht am Fenster und blätterte durch die sauber getippten Seiten von Louise Bryces Bericht.

»Jedenfalls sieht es genau danach aus. Und sie hat dieses Geld bei einer Veranstaltung erhalten, die von Partytime beliefert wurde. Einer Veranstaltung seitens einer der einheimischen politischen Gruppierungen.«

»Alles führt irgendwie immer wieder auf Lars Holden zurück«, murmelte Bryce.

»Ich weiß!«, fauchte Markby und entschuldigte sich sofort.

»Tut mir Leid. Ich sehe, dass ich mich wohl noch einmal mit ihm unterhalten muss. Außerdem muss ich dringend mit Margaret Holden reden. Glücklicherweise habe ich sie bereits informiert, dass ich sie anrufen werde.« Er legte die Finger zusammen.

»Wenn Kimberley dafür bezahlt wurde zu schweigen, wenn sie große Summen erhielt, dann vergessen Sie nicht, dass Lars zu diesem Zeitpunkt erst achtzehn Jahre alt war. Er hätte keinen Zugriff auf diese Summen gehabt, nicht ohne dass ungemütliche Fragen gestellt worden wären. Mir kommt es viel wahrscheinlicher vor, dass jemand anderes gezahlt hat, jemand, der großes Interesse an Lars’ Zukunft hatte. Es könnte entweder seine Mutter gewesen sein oder sein Vater, der inzwischen tot ist, oder alle beide. Falls sein Vater versucht hat, sich des Mädchens zu entledigen, ohne dass Margaret etwas davon erfuhr, dann werden wir es niemals beweisen können. Falls Margaret nichts von ihrem Sohn und Kimberley gewusst hat, dann wird es ein heftiger Schock für sie.«

»Vielleicht hat Lars es seiner Mutter gesagt, oder Angela Pritchard. Vielleicht wollten sie Margaret vorwarnen, genau wie sie sich die Mühe gemacht haben, Ihnen alles zu erzählen, bevor Sie es auf anderem Weg herausfinden konnten. Und nachdem sie mit Ihnen gesprochen hatten, rechneten sie sich vielleicht aus, dass Sie Margaret Holden ansprechen würden«, sagte Bryce.

»Was ich noch heute Morgen tun werde. Wir kommen nicht weiter, wenn wir Zeit verschwenden«, entgegnete Markby düster.

»Kimberley erwähnte Jennifer gegenüber außerdem, dass sie einen reichen Freund kennen gelernt hätte. Das klingt ganz nach Lars. Seine Familie ist reich, Sir. Wie Jennifer schon sagte – wo in Bamford sollte sie jemand Reichen kennen lernen? Nur auf einer dieser Partys, die von Partytime beliefert wurden.« Markby trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch.

»Hat Jennifer nicht auch gesagt, dass dieser reiche Freund Kimberley eine Wohnung bezahlen wollte? Lars kann ihr das unmöglich angeboten haben. Also könnte es jemand anderes gewesen sein. Andererseits hat Kimberley vielleicht auch nur wieder einmal fantasiert, wie alle das zu nennen scheinen! Ich werde jetzt Margaret Holden anrufen.« Er stand auf und griff nach dem Telefon.

»Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, diese Angelegenheit muss mit Samthandschuhen angefasst werden! Wir können nicht gegen einen Abgeordneten ermitteln, ohne zu riskieren, dass sich ein Wespennest von Journalisten auf uns stürzt! Und vergessen Sie eins nicht – wenn wir falsch liegen, haben wir seine Karriere für nichts und wieder nichts ruiniert! Etwas bleibt immer haften!«

Meredith senkte den Schirm und schüttelte ihn aus, bevor sie ihn faltete und dabei in das Schaufenster sah. Wurst in Scheiben, Fleisch aller Art lag auf silbernen Tabletts, die mit grünen Plastikgirlanden voneinander separiert waren. Die Farben und das Arrangement der Waren bildeten eine hübsche Kombination aus Kontrast und Form. Von Korallenrosa bis Burgunderrot war alles da, befreit von unansehnlichem Fett und Knorpel, und nichts mehr erinnerte an den Horror des Schlachtens oder Entbeinens. Alles war sauber und ordentlich. Niemand hätte irgendwelche Einwände erheben können. Über allem residierte ein rosiges Plastikschwein, das auf den Hinterbeinen stand und die Passanten anzugrinsen schien.

Meredith sah hinauf zum Firmenschild über dem Schaufenster: Archibald. Familienmetzgerei seit 1897. Es war ein Familienbetrieb, na schön. Seit hundert Jahren verkauften sie im gleichen Laden Fleisch. Das war keine schlechte Leistung.

Meredith öffnete die Tür. Wie üblich in ähnlich altmodischen Geschäften hatten moderne Kühltheken und Eisschränke den über allem hängenden Geruch nach Blut nicht verdrängen können. Die Theke verlief durch die gesamte Länge des Ladens vom Eingang bis zur Rückseite. Von Haken an den Wänden baumelten Metzgerwerkzeuge, die beinahe mittelalterlich aussahen, glänzende Messer, Beile, Sägen, sämtliche Utensilien des Amputationsgewerbes.

Gegenüber der Ladentür führte ein kleiner Durchgang in die rückwärtigen Räume. Als Meredith hinsah, trat eine stämmige Gestalt, ein Mann, durch eine Tür und öffnete die Tür am Ende des Durchgangs. Kalte frische Luft floss in den Laden, und Meredith erblickte einen unaufgeräumten Hinterhof und einen Holzanbau mit einem Dach, das mit Pappe gedeckt war.

»Was wünschen Sie bitte?«, fragte ein junger Mann mit einem steifen Strohhut und einer gestreiften Schürze.

»Äh, könnte ich bitte ein halbes Dutzend Lammkoteletts haben? Die von draußen im Fenster.« Er ging zur Auslage und beugte sich über die Blende.

»Diese hier? Sie sind heute im Angebot.«

»Genau die.« Er war zu jung, um Derek Archibald zu sein. Während er die Koteletts auswog, verlangte sie noch ein Pfund Rindswürste, um ihn in gute Laune zu bringen.

»Unsere eigenen? Wir machen sie hier im Haus. Wir machen normale, mit Kräutern und mit Tomate. Die mit Kräutern könnte ich empfehlen. Wir verkaufen sie in rauen Mengen.«

»Dann also Kräuter, bitte.« Er wickelte Merediths Einkäufe ein.

»Arbeitet Mr. Archibald auch noch hier?«

»Derek? Ja. Schätze, er ist irgendwo hinten.«

»Oh, Sie haben ein Kühlhaus draußen im Hof? Ich habe einen Schuppen auf der Rückseite des Hofs gesehen. Wird er den ganzen Morgen dort bleiben?« Der junge Mann lachte.

»Der Schuppen? Nein, das ist nicht unser Kühlhaus. Das ist da hinten.« Er zeigte in den Durchgang.

»Hinten im Hof, das ist Dereks alter Schuppen. Fragen Sie mich nicht, was er da drin macht. Er hält ihn sorgfältig unter Verschluss. Bestimmt kommt er bald wieder heraus. Wollten Sie etwas Bestimmtes von ihm?«

»Ja, eigentlich bin ich hergekommen, um mich auf ein paar Worte mit ihm zu unterhalten. Falls das möglich ist.«

»Ich denke schon. Warten Sie einen Augenblick, und er kommt wieder raus.« Erneut streifte ein Schwall frischer Luft Merediths Knöchel.

»Da ist er schon. Die junge Dame hier möchte dich sprechen, Derek.« Die stämmige Gestalt, die Meredith in den Hof gehen gesehen hatte, war zurückgekehrt und stand nun bewundernd vor ihr. Er war nicht groß, aber kräftig. Seine flache rote Nase war zu groß für das Gesicht, oder das Gesicht zu klein. Winzige Augen, die fast unter Falten verschwanden, eine breite Knopfnase und ein kleiner Mund. Er sah dem Plastikschwein in der Schaufensterauslage auf geradezu verblüffende Weise ähnlich. Auch er trug einen Strohhut und eine weiß-blau gestreifte Schürze über dem weißen Mantel.

»Was kann ich für Sie tun, meine Liebe?«, fragte er mit einer schweren, langsamen und ländlichen Stimme. Ihr Besitzer war niemand, der schnell zu einem Urteil kam.

»Mein Name ist Meredith Mitchell. Ich wohne in der Nähe von Mrs. Etheridge. Ich glaube, Sie kennen sie.« Er antwortete nicht.

»Es geht um etwas, das sich vor langer Zeit in Bamford ereignet hat, vor zwölf Jahren genau. Ich habe mich kürzlich mit Mrs. Etheridge unterhalten, und sie hat mir davon erzählt. Sie hat Ihren Namen erwähnt.« Falls Archibald aus ihren Worten schloss, dass Mrs. Etheridge Meredith empfohlen hatte, mit ihm zu sprechen, dann mochte es eben so sein. Meredith tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie genau genommen nicht gelogen hatte.

»Janet Etheridge, wie?« Archibald hob die Augenbrauen, und seine winzigen Augen weiteten sich um einen winzigen Bruchteil.

»Ich habe Janet eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Wie geht es ihr denn so?«

»Nicht so gut. Sie leidet an Arthritis.«

»Tut mir Leid, das zu hören. Aber ich kann nicht gerade sagen, dass mich das überrascht. All dieses Karnickelfutter, das sie seit Jahren gegessen hat. Sie sollte wenigstens hin und wieder mal ein anständiges Steak oder ein Schweinekotelett essen!« Der junge Mann mit dem Strohhut bemerkte Merediths Blick, grinste und zwinkerte ihr zu.

»Und was hat Janet Ihnen erzählt?«, fragte Derek Archibald.

»Es geht um eine Sache, die sich ereignet hat, als Sie und Janet noch im Kirchenvorstand von All Saints aktiv waren. Vor Reverend Appletons Tod. Blumen und eine Kerze, die eines Abends brennend auf dem Altar vorgefunden wurden.« Archibald schürzte den kleinen Mund, bis er fast überhaupt nicht mehr zu sehen war, doch er schwieg verbissen. Meredith fuhr fort:

»Ich interessiere mich für das Okkulte, wissen Sie? Ich meine, ich glaube nicht an Hexerei und dergleichen, denken Sie das nicht! Aber ich dachte, vielleicht bekomme ich Material, um einen Artikel für die regionalen Magazine zu schreiben. Überlebende heidnische Praktiken, Religionen und dergleichen.«

»So was gibt es in unserer Gegend nicht«, entgegnete Archibald.

»Hast du je von so was gehört, Gary?« Der junge Mann hinter der Theke schüttelte den Kopf und sagte bedauernd, dass er noch nichts von Teufelsanbetern in Bamford oder Umgebung gehört hätte.

»Hier sind alle viel zu respektabel«, meinte er.

»Stellen Sie sich vor, dass einer von denen da …«, er nickte in Richtung der geschäftigen Straße, durch das Schaufenster hindurch, »… nackt herumtanzt und Orgien feiert!«

»Ich meinte keine Orgien«, widersprach Meredith.

»Ich dachte eher an Rituale. Mrs. Etheridge hat erzählt, dass die Kerze mit einem Stück schwarzen Stoffs umwickelt gewesen sei.«

»Das war sie.« Archibald hatte sich offensichtlich unvermittelt zu der Entscheidung durchgerungen, mit Meredith zu reden.

»Ich muss gestehen, ich bin ein wenig überrascht, dass sie nach all den Jahren noch mit dieser Geschichte herausrückt. Es war nichts Besonderes, ein paar Kinder, die in der Kirche einen Streich gemacht haben. Sicher, es hätte ein Feuer geben können – aber es ist nichts passiert. Die Kerze war schon fast niedergebrannt, als wir sie gesehen haben. Ich erinnere mich, Blumen lagen auch auf dem Altar, einfach so. Der alte Vikar, Mr. Appleton, hielt die Sache für nicht weiter schlimm. Schätze, er hatte ganz Recht damit. Keine Teufelsanbeter, nicht bei uns.« Er kicherte.

»Davon hast du mir nie etwas erzählt, Derek!«, beschwerte sich Gary kummervoll. Sein Arbeitgeber richtete die Schweinsäuglein auf den jungen Mann.

»Wozu auch? Was geht es dich an?«

»Es hätte mich bestimmt interessiert!«

»Was soll denn daran interessant sein? Kinderstreiche? Ich hatte es außerdem fast vergessen.« Er wandte sich wieder Meredith zu.

»Es gibt nichts, über das Sie schreiben könnten, Miss. Es war kein satanischer Unsinn. Vergessen Sie die Idee gleich wieder, Magazine oder Zeitungen anzuschreiben. Alle möglichen Irren würden herkommen, um einen Blick auf die Kirche zu werfen. Wenn Sie meinen Rat hören wollen – vergessen Sie’s.« Die Türglocke ging, und zwei neue Kunden traten ein.

»Entschuldigen Sie mich jetzt«, sagte Archibald bedeutungsvoll.

»Aber wir haben heute nur den halben Tag geöffnet und eine Menge Arbeit.«

»Oh. Jedenfalls danke ich Ihnen. Wie viel macht das, Gary?« Gary rechnete den Betrag mit einem dicken Bleistift, den er eigens zu diesem Zweck hinter das Ohr geklemmt trug, auf einem Stück Papier aus. Meredith zahlte, und als er ihr das Wechselgeld gab, murmelte er:

»Hören Sie, wenn Sie irgendwas rauskriegen, über diese Sache, Sie wissen schon, dann geben Sie mir Bescheid, ja? Das wäre echt mal was anderes, ein paar satanische Riten zu beobachten! Und wenn jemand Eingeweide oder Tierschädel braucht – kein Problem! Ich könnte sie besorgen!« Meredith versprach, ihm Informationen über sämtliche Satanisten zukommen zu lassen, über die sie stolpern würde, und ging hinaus. Derek Archibald war mit anderen Kunden beschäftigt und schenkte ihr keinerlei Beachtung. Nachdenklich kehrte Meredith nach Hause zurück.

Oscar erinnerte sich an ihn. Als Markby eintrat, hüpfte der Dackel auf und ab und jaulte freudig zur Begrüßung.

»Hallo, alter Bursche!« Markby bückte sich und kraulte Oscar hinter den Ohren.

»Danke sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mich zu empfangen, Margaret«, sagte er.

Sie befanden sich in der großen Empfangshalle der Old Farm. In dem großen Kamin war ein Feuer angezündet worden und knisterte einladend vor sich hin.

Oscars Weidenkörbchen war strategisch auf einer Seite des Kamins platziert. Auf dem Tisch standen frische Blumen. Es sah aus, dachte Markby, wie auf einer Ausstellung über

»Das Ideale Heim«. Oder wie auf einer Theaterbühne. Die Vorstellung traf ihn wie ein Schock. Was von dem, was er hier vor sich sah, war Realität? Wie viel von alledem war sorgfältig aufgebaute Täuschung?

»Setzen Sie sich doch, Alan, ja? Es ist ein grässlicher Tag, mitten im Sommer! Es ist kaum zu glauben!« Sie schob ihn freundlich zu einem Sessel. Sie trug einen braunen Rock und eine cremefarbene Bluse, mit einer Goldkette am Hals. Markbys Meinung nach sah Margaret Holden müde aus. Als Oscar sah, dass sich alle setzten, machte er kehrt und trappelte in sein Körbchen zurück, wo er sich unter einer alten Decke eingrub und sich immer und immer und immer wieder um die eigene Achse drehte, bis alles stimmte. Als er endlich lag, war eine Beule unter der Decke alles, was noch von ihm zu sehen war.

»Er wird allmählich alt«, sagte Oscars Besitzerin.

»Er mag es warm. Ich weiß nicht, wie er so viel Hitze aushalten kann!« Sie lächelte traurig.

»Er wird mir fehlen, wenn er irgendwann einmal nicht mehr da ist, um mir Gesellschaft zu leisten. Oscar war immer ein loyaler Freund.«

»Er ist noch ziemlich fit, oder nicht? Er sieht kerngesund aus.«

»Oh, fit ist er, das stimmt. Aber er ist schon dreizehn, wissen Sie? Das ist für einen Hund fast schon biblisch. Weit über siebzig, in Menschenjahren.« Eine ältliche Frau kam herein. Sie brachte ein Tablett mit Kaffee und Biskuits.

»Danke sehr, Doris«, sagte Margaret Holden. Nachdem Doris wieder gegangen war und Margaret Alan einen Kaffee und Biskuits angeboten hatte, fragte sie:

»Und was kann ich für Sie tun, Alan?« Markby biss in einen Biskuit. Er war selbst gemacht.

»Es tut mir wirklich Leid, Sie belästigen zu müssen, Margaret. Ich möchte weder Ihnen noch irgendjemand anderem Scherereien machen, aber ich bin mit der Untersuchung des Todes dieser jungen Frau beauftragt, Kimberley Oates. Sicherlich haben Sie inzwischen darüber gelesen.« Margaret nickte. Die Aura von Müdigkeit, die sie umgab, schien stärker zu werden. Unter ihren Augen bemerkte Markby dunkle Schatten, und sie strahlte unendliche Traurigkeit aus.

»Sie hat für eine Firma namens Partytime gearbeitet, ein Catering-Unternehmen. Sie haben Partytime wenigstens einmal beauftragt, zu Lars’ achtzehntem Geburtstag, wenn meine Informationen zutreffen.« Margaret nickte erneut.

»Ich erinnere mich. Ich war recht zufrieden mit ihnen.«

»Kimberley war an diesem Abend als Kellnerin dabei.« Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und stellte die Kaffeetasse ab, ohne getrunken zu haben.

»Ich weiß, was Sie sagen wollen, Alan. Lars hat mit mir gesprochen. Er hat mir erzählt, dass Sie, Meredith, Angie und er während des Mittagessens darüber gesprochen haben. Ich weiß, dass Lars … dass er eine Romanze mit diesem Mädchen hatte. Aber es hatte nichts zu bedeuten.«

»Davon gehe ich auch nicht aus. Ich habe Lars gesagt, dass nichts davon an die Öffentlichkeit gelangen wird – an die Presse, meine ich. Vorausgesetzt, er sagt die Wahrheit und hält nichts zurück.«

»Ich danke Ihnen.« Sie neigte den Kopf. In Markby kam das unwillkürliche Gefühl auf, als hätte er es mit einem Mitglied der königlichen Familie zu tun. Er wappnete sich innerlich. Er durfte nicht zulassen, dass sie den Ton der Unterredung diktierte. Das hier war eine polizeiliche Ermittlung, ob es ihr nun gefiel oder nicht.

»Die junge Frau war zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger, Margaret. Ungefähr im vierten Monat.« Sie wandte den Blick ab und starrte in die Flammen.

»Haben Sie bereits mit Lars darüber gesprochen?«

»Nein, noch nicht. Margaret, hat Kimberley Sie besucht, um darüber zu reden?« Sie schwieg zunächst, doch dann sagte sie seufzend:

»Ja. Sie war hier. Ein gewöhnliches, billiges Mädchen. Sehr jung und hübsch, wie ich zugeben muss. Sie sagte, dass sie ein Baby von Lars erwartete. Ich dachte zuerst, dass sie Geld wollte. Dann begann ich zu zweifeln. Ich denke – so lächerlich es auch klingen mag –, ich glaube tatsächlich, sie dachte, Lars würde sie heiraten.« Margaret blickte ihn aus weiten staunenden Augen an.

»Stellen Sie sich das vor! Er war erst achtzehn! Gerade im Begriff, zur Universität zu gehen! Es stand überhaupt nicht zur Debatte! Außerdem … Lars war ein so aufgeweckter Junge. Etwas ganz Besonderes. Er interessierte sich schon damals für die Politik. Wir alle konnten sehen, dass er eine glänzende Zukunft vor sich hatte. Und da kam doch tatsächlich dieses Mädchen – sie sprach nicht einmal richtiges Englisch! Ihr Vokabular war das einer Zehnjährigen, bis auf die Flüche! Ich traute meinen Ohren nicht! Das Schlimmste daran war, dass sie nicht einmal zu wissen schien, wie sehr sie sich danebenbenahm. Als redeten alle so. Vielleicht traf es ja für ihre übrigen Bekannten zu. Und was ihre Behauptung anging, das Kind sei von Lars – wie konnten wir sicher sein, dass sie nicht log?«

»Ihr Mann lebte damals noch, nicht wahr? War er bei der Unterhaltung zugegen?«

»Ja. Er war hier. Er war außer sich vor Zorn. Lars und Richard, mein Mann, sie redeten nicht besonders viel miteinander. Das soll nicht heißen, dass sie sich nicht verstanden hätten. Aber sie schienen keinen natürlichen Draht zueinander zu haben. Ich weiß nicht, warum. Richard war sehr traditionell und sehr englisch aufgewachsen. Mit sieben wurde er in ein Internat geschickt, und ich glaube, danach hat er nicht mehr viel von seinen Eltern gesehen. Sein Vater war in der Army, und seine Mutter ging ganz in ihrer Arbeit für Wohltätigkeitsvereine auf. Ich fürchte, Lars gewann den Eindruck, dass Richard ihn nicht liebte. Das war falsch. Richard liebte seinen Sohn sehr, auch wenn es ihm schwer fiel, das zu zeigen. Zu der Zeit, von der ich spreche, als dieses Mädchen zu uns kam, war Richard bereits sehr krank. Es war der Anfang vom Ende. Er wurde nicht damit fertig. Ich bat ihn, alles mir zu überlassen. Ich sagte dem Mädchen, dass es seine und unsere Zeit verschwendete. Falls es versuchen würde, Lars eine Vaterschaftsklage anzuhängen, würde ich jeden Mann finden, der je mit ihr geschlafen hatte, und ihn vor Gericht als Zeugen dafür bringen, dass sie nichts weiter als ein billiges Flittchen sei. Ich war nicht bereit, ihr auch nur einen einzigen Penny zu zahlen. Es ist immer ein Fehler, Erpresser zu bezahlen, Alan. Sie kommen wieder, immer und immer wieder!« Margarets Stimme hatte einen energischen Tonfall angenommen. In ihr hat Kimberley ihren Meister gefunden, dachte Markby. Sie muss erkannt haben, dass sie hier keinen Blumentopf gewinnen konnte. Doch an einer anderen Stelle schien sie mehr Glück gehabt zu haben.

»Irgendjemand hat ihr Geld gegeben, Margaret. Jedenfalls sieht alles danach aus. Sie wurde mit einer großen Summe Geldes gesehen.«

»Wir nicht!« Margaret wandte sich gegen ihn.

»Nicht einen Penny, Alan! Ich schwöre es! Nichts!« Sie zwang sich sichtlich zur Ruhe, bevor sie fortfuhr:

»Sie kam nicht wieder zu uns.«

»Hat Lars sie weiterhin getroffen?«

»Das weiß ich nicht.« Margaret vollführte eine müde Handbewegung.

»Lars war ein unschuldiger Junge. Ich weiß, er war achtzehn, aber er ist sehr privilegiert aufgewachsen. Er musste sich nie mit einem Problem auseinander setzen. Sein Vater und ich haben uns immer um alles gekümmert. Wir wollten, dass er sich ganz auf die Schule und später auf sein Studium konzentriert. Ich bin sicher, dass er völlig ahnungslos war, welche Gefahr Kimberley für ihn bedeutete. Sie war eine Unruhestifterin. Sie hatte keine Vorstellung von der Realität! Nehmen Sie allein die Idee, Lars könnte sie heiraten! So unendlich dumm!«

»Sie war ebenfalls sehr jung«, sagte Markby sanft.

»Es tut mir Leid, dass sie tot ist«, erwiderte Margaret würdevoll.

»Es tut mir Leid, wie sie gestorben ist, oder besser gesagt, vermutlich gestorben ist. Ermordet. Aber ich kann nichts daran ändern. Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll.« Ihre Worte waren ein Echo dessen, was Kimberleys Mutter am Tag zuvor gesagt hatte. Tut mir Leid, aber ich kann es nicht mehr ändern. Arme Kimberley. Immer ist sie nur im Weg gewesen. Wenn auch nur ein einziger Mensch, ganz gleich zu welchem Zeitpunkt, eine helfende Hand ausgestreckt hätte … keine Hand voller Geld, sondern eine Hand, die Liebe gegeben hätte. Aber das war nicht geschehen. Liebe war sicherlich genau das gewesen, wonach Kimberley gesucht hatte. All diese flüchtigen Affären. Es war immer die gleiche traurige Geschichte. Trotzdem blieb die Tatsache, dass irgendjemand Kimberley eine beträchtliche Summe Geldes gezahlt hatte. Wer?

Markby fuhr langsam davon. Es hatte wieder angefangen zu regnen. Er schaltete die Scheibenwischer ein – gerade rechtzeitig. Am Ende der Auffahrt war eine Gestalt unter den tropfenden Bäumen hervorgetreten und streckte die Hand aus, um ihn zu sich heranzuwinken. Hastig trat Markby auf die Bremse.

Es war Lars, gut geschützt gegen die Witterung mit einer Barbourjacke, einer Kappe und grünen Gummistiefeln, in die er die Hosenbeine gesteckt hatte. Wahrscheinlich, überlegte Markby, während er die Fensterkurbel betätigte und Lars sich zu ihm herunterbeugte, um durch das Fenster zu sprechen, läuft er immer so herum, wenn er seine Wähler auf den umliegenden Farmen besucht.

»Alan? Hätten Sie Zeit auf ein Wort?« Lars’ Gesicht war verschlossen, nass vom Regen und gefurcht von Sorge. Markby beugte sich zur Seite und öffnete die Beifahrertür. Lars ging um den Wagen herum und stieg ein. Er zog die Tür zu, nahm die Kappe ab und fuhr sich mit der Hand durch das Haar, während er durch die regennasse Windschutzscheibe nach draußen starrte.

»Englisches Sommerwetter«, sagte er.

»Einfach wunderbar!«

»Möchten Sie, dass ich Sie irgendwohin mitnehme? Vielleicht hat irgendwo ein Pub offen. Es ist bereits zwölf Uhr.« Markby streckte die Hand zum Zündschlüssel aus.

»Wenn Sie mögen. Am Ende der Straße gibt es eins, Drover’s Arms.« Es dauerte nur Minuten, bis sie vor dem fraglichen Pub angekommen waren. Im Regen sah es nach einem traurigen, verlassenen Ort aus, und auf dem Parkplatz stand nur noch ein anderes Fahrzeug. Im Innern roch es nach feuchter Kleidung, Staub und dem Bodensatz von Bierfässern. Sie nahmen ihre Pints mit in eine düstere Ecke und nahmen auf den schmuddeligen Sitzen Platz.

»Sie waren bei Mutter«, begann Lars.

»Ich hatte ein paar Fragen an sie, ja.«

»Sie hätten sie nicht unnötig in Aufregung versetzen müssen. Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.«

»Nein, Lars. Nicht alles.« Er nippte an seinem Pint und schnitt eine Grimasse.

»Schreckliches Bier hier. Wenigstens sitzt Nat Bullen nicht in seiner Ecke und versäuft seine Pension. Er kommt regelmäßig hierher. Mutter kann Ihnen nicht weiterhelfen. Sie weiß überhaupt nichts.«

»Sie weiß beispielsweise, dass Kimberley behauptet hat, Sie wären der Vater ihres Kindes.« Lars setzte sein Glas ab.

»Haben Sie eine Zigarette für mich, Alan?«

»Tut mir Leid, aber ich rauche nicht. Ich hab vor zwanzig Jahren damit aufgehört.«

»Ich normalerweise auch nicht, aber jetzt würde ich gerne. Warten Sie bitte, ich bin gleich wieder zurück.« Er stand auf und ging zu einem Automaten an der Wand. Nach einigen Augenblicken kehrte er zurück. Er setzte sich, riss das Päckchen auf und steckte sich eine Zigarette an. Nachdem er einen tiefen Zug genommen hatte, sah er dem Rauch hinterher, der sich zu den geschwärzten Deckenbalken hinaufkräuselte.

»Das hat sie mir nie gesagt – weder sie noch mein Vater haben jemals ein Wort davon erwähnt. Aber wahrscheinlich müssen sie es gewusst haben. Ich habe es gespürt. Hat sie … hat Kimberley sie besucht?«

»Ja. Dann akzeptieren Sie also die Tatsache, dass es Ihr ungeborenes Kind war?«

»Ich weiß es nicht. Vermutlich, ja. Wir haben nie Verhütungsmittel benutzt. Wir waren jung und dumm.«

»Sie waren möglicherweise nicht der einzige Mann, mit dem sie geschlafen hat.«

»Das ist mir bewusst – heute. Trotzdem hätte das Kind von mir sein können, oder nicht? Haben … haben meine Eltern ihr Geld gegeben?« Er klang durch und durch elend.

»Margaret sagt nein. Haben Sie Kimberley Geld gegeben, Lars?« Er sah Markby überrascht an.

»Nein! Wovon denn? Ich hatte kein Geld! Nur mein Taschengeld, und damit wäre ich nicht weit gekommen!«

»Irgendjemand muss ihr Geld gegeben haben. Sie wurde kurz vor ihrem Verschwinden mit einer großen Geldsumme gesehen. Ein paar Hundert Pfund vielleicht.« Markby zögerte.

»Kimberleys Firma, Partytime, hatte eine Dinnerparty beliefert, die von einer der einheimischen Politgruppierungen veranstaltet wurde. Am Ende dieser Party wurde sie mit dem Geld gesehen.«

»Jeder geht zu diesen Partys. Es geht darum, Spendengelder zu sammeln. Einladungen gehen an jedermann, jeden einheimischen Geschäftsmann, jeden Anhänger der Partei, einfach jeden, der irgendwann einmal Interesse an der Partei gezeigt hat. Politische Parteien gleich welcher Richtung leiden ständig unter Geldmangel. Es ist ihnen egal, wer das Geld spendet, Alan. Solange nur überhaupt Geld hereinkommt.«

»Ich war gestern in Wales bei Kimberleys Mutter«, berichtete Alan im Konversationston.

»Sie hat zwei weitere Kinder bekommen, einen Jungen und ein Mädchen. Den Jungen habe ich kennen gelernt. Sie hat Kimberley verstoßen, als sie noch ein Baby war, nachdem sie sie zuerst behalten wollte. Ich glaube nicht, dass Kimberley zu irgendeinem Menschen auf der Welt Vertrauen hatte. Sie glaubte, Menschen manipulieren und erpressen zu müssen, weil das der einzige Weg war, wie sie jemanden dazu bringen konnte, etwas für sie zu tun. Jedenfalls lautet so meine Theorie.« Er hob sein Glas.

»Cheers!«

»Jetzt fühle ich mich noch schlechter als vorher«, sagte Lars niedergeschlagen.

»Ich kann doch nichts mehr daran ändern! Es ist alles so lange her. Ich war jung, unerfahren und naiv.« Er blickte Markby geradewegs an.

»Helfen Sie mir aus dieser Sache heraus, Alan! Es ist mir egal, was ich dafür tun muss, aber halten Sie meinen Namen sauber!«

»Ich bin Polizeibeamter, Alan. Seien Sie nicht naiv, nicht jetzt.«

»Aber ich habe doch gar nichts getan! Ich habe sie nicht umgebracht!« Lars Worte endeten in einem gequälten Aufheulen.

»Dann haben Sie auch nichts zu befürchten, Lars, glauben Sie mir.« Lars drückte seine Zigarette aus, obwohl sie erst zur Hälfte aufgeraucht war.

»Aber alles fällt immer wieder auf mich zurück! Wie auch immer es enden mag, man wird mir die Schuld an allem geben!«

»Lars wird in die Sache hineingezogen. Irgendjemand wird zu dem Schluss kommen, dass alles seine Schuld ist. Und das stimmt nicht!«

Der Ton war bitter. Meredith musterte die Sprecherin. Am Nachmittag nach Hause zu kommen und Angie Pritchard auf ihrer Treppe vorzufinden war eine Überraschung gewesen, um es gelinde auszudrücken.

»Ich muss mit jemandem darüber reden, Meredith, sonst werde ich noch verrückt! Ich kann nicht mit Margaret reden. Ich kann nicht mit Lars reden. Wenn ich mit Alan rede, hält er wahrscheinlich alles in einem Protokoll fest und lässt es mich unterschreiben oder sonst irgendwas. Also bin ich hergekommen, um mit Ihnen zu reden.«

Und jetzt saßen sie in Merediths winzigem Wohnzimmer bei einer Flasche Wein. Angie Tee anzubieten erschien ihr nicht angemessen. Ihre Besucherin hatte die Sommerkleidung gegen ein leichtes herbstliches Wollkostüm getauscht. Sehr vorausschauend, angesichts des Wetters. Das Kostüm war cremefarben und bestand aus einem langen Rock und einem Jackett. Es sah sehr kostspielig aus. Angie selbst wirkte angespannt. In diesem Augenblick dämmerte Meredith die verblüffende Ähnlichkeit zwischen Angie und ihrer zukünftigen Schwiegermutter. Auf die eine oder andere Weise verursachte Lars Holden den Frauen in seinem Leben endlose Sorgen.

»Das Mädchen war schwanger, verstehen Sie?« Angie kam, wie es für sie typisch war, direkt auf den Punkt.

»Ich weiß, wir haben es bei unserem gemeinsamen Mittagessen nicht erwähnt, aber man hat die Knochen eines ungeborenen Kindes bei Kimberley gefunden, oder nicht?«

»Lars’ Baby?«, fragte Meredith.

Angie strich sich eine lange Strähne brünetten Haars aus der Stirn.

»Woher zur Hölle soll ich das wissen? Lars ist in vielerlei Hinsicht naiv. Er gehört zu der Sorte Mann, die Kimberley geglaubt hätte, wenn sie gesagt hätte, dass es seines wäre. Er ist grundanständig. Anständiger, als es für ihn gut ist! Er hätte sich niemals von ihr abgewandt und gesagt: ›Beweis es!‹ Er hätte mit Sicherheit versucht, ihr zu helfen.«

»Was hätte er denn tun können? Er war doch nur ein Schuljunge, oder? Er war noch nicht einmal an der Universität.« Meredith füllte ihre Weingläser auf.

Angie nahm ihr Glas in die Hand und starrte düster in die Tiefen des Bordeaux.

»Er hätte nicht das Geringste tun können. Aber ich kenne diese Sorte Mädchen! Sie hätte ihn nicht belästigt, weil sie wusste, dass er kein Geld hatte. Sie hätte sich an seine Familie gewandt. Weder Lars’ Vater noch seine Mutter haben es je eingestanden, aber ich bin absolut sicher, dass sie dem Mädchen Geld gegeben haben!«

Angies Augen funkelten vor Zorn.

»So verdammt dumm! Man darf Erpressern kein Geld geben, niemals! Es ist ein Eingeständnis der Schuld! Aber sie haben gezahlt. Bestimmt haben sie gezahlt. Als wir mit Margaret über Lars’ Affäre mit der Toten gesprochen haben, schien sie nicht im Mindesten überrascht. Sie saß nur mit versteinertem Gesicht da, lauschte ungerührt und nickte von Zeit zu Zeit majestätisch!«

»Vielleicht haben sie Kimberley tatsächlich Geld gegeben. Aber das ist nicht das Problem, oder? Irgendjemand hat sie ermordet.« Meredith versuchte es mit Schockstrategie.

»Ich weiß! Wie sonst könnte man sich eines Erpressers entledigen?« Meredith begann zu verstehen, wie Angies Verstand arbeitete. Es waren alarmierende Neuigkeiten, aber es war besser, wenn man offen darüber sprach.

»Glauben Sie, Margaret könnte …?« Angie beugte sich vor.

»Hören Sie, ich sage nicht, dass Margaret eine Mörderin ist. Bestimmt nicht im ordinären Sinn des Wortes. Aber sie opfert sich völlig auf für Lars. So war sie schon immer. Sie hatte eine unglückliche Ehe. Lars’ Vater war ein wirklich kalter Fisch. All die … Leidenschaft ging in ihre Gefühle für Lars über. Sie war … sie ist ohne jeden Verstand, was ihn betrifft. Sie würde alles, wirklich alles tun, um ihn zu schützen! Sie ist Skandinavierin, wissen Sie? Alle Skandinavier neigen zu Schwermut und Gewalttaten. Es muss an den langen dunklen Nächten liegen, die zu Alkoholismus und hoher Selbstmordrate führen. Sie spielen verrückt und zerstückeln ihre Verwandten mit Äxten. Andauernd passiert so etwas.«

»Margaret lebt schon seit Jahren in England!«, protestierte Meredith gegen dieses pauschale Vorurteil gegen die nordische Lebensweise.

»Und außerdem sind nicht alle Skandinavier schwermütig oder selbstmordgefährdet.«

»Margaret würde es tun!«, erklärte Angie. Sie kippte ihren Wein hinunter.

»Glauben Sie mir, Meredith, Margaret wäre dazu im Stande. Es würde mich gar nicht überraschen, wenn sie es getan hätte.« Meredith fühlte sich zu womöglich noch stärkerem Protest herausgefordert.

»Hören Sie, Angie! Sie reden hier über ihre zukünftige Schwiegermutter! Lars’ Mutter, um Himmels willen! Was würde er sagen, wenn er wüsste, wie Sie über Margaret denken? Selbst wenn – was meiner Meinung nach mehr als unwahrscheinlich ist –, selbst wenn Margaret den Verstand verloren und das Mädchen angegriffen hat, wäre es Totschlag, aber noch lange kein Mord!«

»Genau!«, sagte Angie fest.

»Kein Gericht würde sie des Mordes für schuldig sprechen, und jeder halbwegs vernünftige Anwalt würde eine Bewährungsstrafe erreichen. Vielleicht könnte sie sich einer freiwilligen psychiatrischen Behandlung unterziehen. Es gibt eine ganze Reihe von Luxuskliniken. Mehr Hotels als Krankenhäuser. Vielleicht in der Schweiz. Oder vielleicht könnten wir sie sogar zurück nach Schweden schicken. In Schweden gibt es ganz ausgezeichnete Kliniken.«

»Angie!« Meredith fehlten die Worte.

»Das alles würde Lars wohl kaum helfen!«

»Es würde die Luft reinigen. Ich bin Realist, Meredith. Ich denke praktisch. Es gibt keine Möglichkeit, Lars’ Namen aus dieser Sache herauszuhalten! Ich wünschte, es wäre möglich, aber Sie wissen genauso gut wie ich, dass früher oder später irgendein kluger Journalist alles aufdecken wird. Wie brutal soll ich es denn noch sagen? Besser, wenn Margaret eine Bewährungsstrafe erhält für etwas, das sie in einem Zustand vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit getan hat und zu einer Zeit, als Lars noch ein dummer Junge war … als dass die Leute anfangen zu spekulieren, Lars hätte die kleine Nutte umgebracht.« Meredith nahm die Flasche. Sie wusste nicht, was Angie dachte, aber sie brauchte einen Schluck. Dringend.

»Sie halten mich für ein kaltblütiges Miststück«, stellte Angie fest.

»Ich denke, Sie gehen immer nur vom Schlimmsten aus und ziehen voreilige Rückschlüsse.«

»Ich ziehe überhaupt keine voreiligen Rückschlüsse! Ich habe genau über alles nachgedacht! Wenn ich mich darauf verlassen könnte, dass Lars alles richtig macht, müsste ich mich nicht um ihn sorgen! Aber wie ich bereits sagte, er hat ein Gewissen.«

»Ich bin froh, das zu hören. Mir kommt es eigentlich immer so vor, als gäbe es in einem Politikerleben nicht viel Platz für ein Gewissen«, entgegnete Meredith unfreundlich. Angie strich eine Falte in ihrem Wolljackett glatt.

»Lars ist anders. Die Menschen erkennen das. Deswegen ist er so weit gekommen. Die Menschen vertrauen ihm. Er kann es bis ganz an die Spitze schaffen. Das ist selbstverständlich vertraulich! Nur unter uns!« Angie Pritchard kannte also die grundlegenden Regeln, na schön. Sprich nicht mit Journalisten, und sei selbst dann vorsichtig, wenn du mit Freunden redest.

»Gott sei Dank«, sagte Meredith unvermittelt, »dass ich nicht in Ihrer Haut stecke. Ich habe immer geglaubt, mit einem Polizisten zusammen zu sein wäre schon schlimm genug. Ich glaube nicht, dass ich damit fertig werden könnte, einen Politiker zum Mann zu haben!«

»Sie waren doch im Konsulardienst, oder nicht? Ist das denn so anders?«

»Der Konsulardienst ist nicht politisch. Es geht um britische Staatsbürger, die in Autounfälle verwickelt wurden oder im Ausland ins Gefängnis kamen, die ihre Pässe verloren haben, um Touristen, die ausgeplündert wurden und dergleichen mehr. Alles und jedes, würde ich sagen.«

»Wenn Sie damit fertig geworden sind«, sagte Angie, »dann taugen Sie auch als Politikerfrau. Auch dabei geht es um Notfälle, immer und immer wieder. Man muss auf alles gefasst sein. Das hier ist ein Notfall. Ich kümmere mich darum. Ich sage nicht, dass es leicht ist. Aber das ist der Grund, aus dem ich hier bin!« Meredith blickte sie fragend an.

»Und was soll ich Ihrer Meinung nach unternehmen? Sie sind doch nicht nur zum Reden hergekommen!«

»Auch wenn es Sie überraschen mag – doch. Nun ja, jedenfalls hauptsächlich.« Angie seufzte.

»Ich bin nicht aus Gusseisen. Und Margaret beobachtet mich! Sie kennen diesen Ausdruck, wenn Blicke töten könnten? Glauben Sie mir, er ist wie für Margaret gemacht. Wäre ich abergläubisch, würde ich mir Gedanken über den bösen Blick machen!«

»Ist Lars abergläubisch?«, fragte Meredith plötzlich. Die Frage traf Angie unvorbereitet. Sie starrte Meredith an und fummelte an ihrer Goldkette, während sie über eine Antwort nachdachte.

»Es macht ihm jedenfalls nichts aus, unter einer Leiter hindurchzugehen oder Messer zu kreuzen.« Angie runzelte die Stirn.

»Aber manchmal redet er, als würde er an so etwas wie Vorbestimmung glauben. An Schicksal.«

»Wie sieht es mit Religion aus?«

»Oh, Lars wurde anglikanisch erzogen, konfirmiert und alles. Heute geht er nicht mehr zur Kirche, es sei denn zu einem Gedächtnisgottesdienst oder einem größeren Kirchenfest. Lars bringt der Kirche eine Menge Respekt entgegen.«

»Und er hat sich nie mit Okkultismus abgegeben? Nicht einmal als Jugendlicher?«

»Gute Güte, nein!« Angie starrte Meredith entsetzt an.

»Warum?« Ihr Blick wurde durchdringend.

»Ich weiß es nicht. Irgendjemand muss es getan haben.« Sie berichtete Angie von der brennenden Kerze und den Kosmosblumen.

»Ein Verrückter«, sagte Angie entschieden.

»Und nach all den Jahren ist er wahrscheinlich nicht einmal mehr in dieser Gegend.« Sie packte ihr Weinglas.

»Das ist das Letzte, was mir jetzt noch gefehlt hat! Hexerei. Jungfrauenopfer … o mein Gott!« Das Weinglas war umgekippt, und auf dem Wollkostüm war ein großer roter Fleck zu sehen.

»Sie glauben doch wohl nicht, dass dieses Mädchen im Rahmen irgendeines grässlichen Rituals umgebracht wurde?«

»Ich halte es nicht für unwahrscheinlicher als die Möglichkeit, dass Margaret Holden Kimberley getötet hat.«

»Unsinn!«, entgegnete Angie, doch diesmal klang sie nicht mehr so sicher.

Was Alan anbetraf, so verspürte er nach der Unterredung mit Margaret und in der Folge mit Lars Niedergeschlagenheit. Vielleicht lag es auch an der langen Fahrt nach Wales und zurück am Tag zuvor, um mit Susan Tempest zu reden, oder am elenden Wetter.

Aber mehr als alles andere war es wohl die Frustration. Nicht, dass er die zahlreichen frustrierenden Augenblicke der Polizeiarbeit nicht gekannt hätte. Darin unterschied sich dieser Fall nicht von anderen. Mit Ausnahme der Tatsache, dass ein paar der betroffenen Personen im Licht der Öffentlichkeit standen.

Margaret hatte erklärte, dass weder sie noch ihr verstorbener Mann Kimberley Geld gegeben hätten. Lars war überhaupt nicht dazu in der Lage gewesen – er hatte noch keins. Wer aber war es dann? Und was, murmelte Markby auf dem Rückweg zu seinem Büro vor sich hin, was war aus dem Geld geworden?

Jennifer Fitzgerald hatte es als eine Rolle von Banknoten beschrieben. Wenigstens ein paar Hundert Pfund, nach ihrer Schätzung. Sie konnte sich irren, was den exakten Betrag anging, aber eine Rolle Banknoten blieb eine Rolle Banknoten. Kurze Zeit später war Kimberley verschwunden. Sie hatte nicht mehr genügend Zeit gehabt, das viele Geld auszugeben. Der Bericht von damals erwähnte nichts davon, dass ihre Großmutter Geld in Kimberleys Zimmer gefunden hätte. Was also hatte das Mädchen damit gemacht? Es musste mehr Geld gewesen sein, als sie jemals in ihrem Leben in den Händen gehalten hatte. Selbst wenn sie es für Musik und Zeitschriften und Kleidung ausgegeben hatte, konnte es nicht in so kurzer Zeit verschwunden sein.

Das Rätsel nagte an Markbys Verstand. Er verspürte das Bedürfnis, etwas zu tun, um seine Gedanken für eine Weile abzulenken. Falls er auf direktem Weg in sein Büro zurückkehrte, würde er nur dort sitzen und darüber brüten. Es musste etwas anderes geben, das er tun konnte.

An dieser Stelle fielen ihm die beiden Geschichten wieder ein, die Meredith ihm erzählt hatte, von der Kerze und den Kosmosblüten und von Nat Bullens eigenartigen frühmorgendlichen Aktivitäten ungefähr um die gleiche Zeit vor zwölf Jahren.

Markby konnte sich denken, was Bullen getrieben hatte. Aber er konnte nicht ergründen, was es mit der Kerze und den Blumen auf sich hatte, jedenfalls noch nicht in diesem Augenblick. Mrs. Etheridge konnte er ohne weiteres durch Prescott befragen lassen, wenn die Zeit gekommen war. Derek Archibald nahm er sich lieber selbst vor. Derek musste das tote Mädchen gekannt haben. Diese Tatsache allein machte ihn interessant. Vielleicht hatte Archibald auch seine eigene Theorie bezüglich der Kerzengeschichte. Mrs. Etheridge war geneigt, an satanische Rituale zu glauben. Markby hingegen ganz und gar nicht.

Er bog auf die Bamforder Hauptstraße ab und landete irgendwann in der Einkaufsmeile. Vor dem Metzger parkte er seinen Wagen, doch er hatte ganz vergessen, dass Mittwoch war. Archibald’s, der Familienbetrieb, hatte im Gegensatz zu den Supermärkten mittwochs nachmittags immer noch geschlossen. Die Jalousien waren herabgelassen, die Tür verschlossen. Markby überlegte, ob er zu den Archibalds nach Hause fahren sollte, doch er verspürte eine innere Abneigung dagegen, sich ein weiteres Mal in dieses klaustrophobische Zimmer zu setzen. Besser, er wartete bis zum nächsten Tag und redete mit Derek in dessen Geschäft.

Markby stieg wieder in seinen Wagen und fuhr langsam durch die Stadt. Es war still, die Straßen lagen halb verlassen. Bamford besaß noch genug kleine Läden, die mittwochs nachmittags geschlossen waren, um diesem Faktor Gewicht zu verleihen. Rings um die beiden Supermärkte war Betrieb und drängten sich Menschen, doch überall sonst herrschte Ruhe. Die Geschäfte erweckten in Markby den Gedanken an Nahrungsmittel, und mit einem Mal fiel ihm ein, dass er noch kein Mittagessen gehabt hatte, und es war später Nachmittag. Überhaupt hatte er seit dem Morgen nichts mehr zu sich genommen bis auf ein Pint mit Lars Holden. Sein Magen bestätigte die Feststellung mit einem hohlen Knurren.

Ein Stück weiter gab es eine Sandwich-Bar. Sie war neu, oder zumindest erinnerte sich Markby nicht an sie. Die Bar hatte geöffnet. Und davor gab es wie gerufen einen freien Parkplatz. Er steuerte den Wagen in die Lücke, stieg aus und ging hinein, um etwas gegen den stechenden Hunger zu unternehmen.

Es war ein sauberer kleiner Laden. Hinter einer Glastheke lagen die verschiedenen Beläge für die Sandwiches in Plastikschalen. Einiges davon kannte Markby – geschnittenen Schinken, Krabben, selbst Thunfisch in Mayonnaise und Mais. Der Rest war unidentifizierbar.

Es gab zwei winzige Tische und ein paar zerbrechlich aussehende Stühle. Man konnte also, falls gewünscht, seinen Imbiss gleich hier vor Ort verzehren. Markby entschied sich für Speck und Salat mit dunklem Brot. Als Getränk gab es lediglich Kaffee oder einen Softdrink zur Auswahl. Markby nahm schwarzen Kaffee, um sein müdes Gehirn wieder auf Vordermann zu bringen.

Von seinem Platz am Fenster beobachtete er die Welt draußen, während er sein Sandwich aß und das starke Gebräu trank. Die wenigen Menschen, die vorbeikamen, sahen gewöhnlich aus. Trotzdem hüteten einige von ihnen ohne jeden Zweifel dunkle Geheimnisse. Nicht notwendigerweise kriminelle Geheimnisse, aber kleine Sünden, Nachlässigkeiten, Episoden allzu menschlichen Versagens. Eine Susan Tempest in anderer Gestalt vielleicht. Oder ein Jack Tempest, dieser gute Ehemann und Vater, der – soweit Markby wusste – unter dem häuslichen Dach ein Tyrann der allerschlimmsten Sorte gewesen war.

Das Mädchen hinter der Theke sagte entschuldigend:

»Wir schließen jetzt, Sir.« Markby sah verblüfft auf seine Uhr. Die Zeit war weiter fortgeschritten, als er gedacht hatte. Die Menschen, die nun draußen vorbeigingen, waren eindeutig Angestellte auf dem Nachhauseweg. Er sagte auf Wiedersehen und fuhr in sein eigenes Büro zurück. Aus irgendeinem Grund, vielleicht einer Angewohnheit aus neuerer Zeit, fuhr er am alten Friedhof vorbei. Es war ein Umweg – er kam eigentlich nicht dort vorüber. Sie waren fertig mit der Spurensicherung am Gresham-Grab. Die Absperrungen waren entfernt worden. Doch das voyeuristische Interesse irgendwelcher Gaffer war noch immer nicht erlahmt. Als Markby auf gleicher Höhe mit dem Grab war, verlangsamte er seine Fahrt und spähte unter den Bäumen hindurch, die zwischen Friedhof und Straße standen, um nachzusehen, ob in diesem Augenblick jemand mit makabren Gelüsten zwischen den Gräbern umhertrampelte. Er sah eine Gestalt, doch es war kein Besucher. Markby bremste scharf, und der Wagen kam schlingernd zum Halten. Er stieß die Tür auf und sprang heraus. Durch die Bäume sah er eine aufgelöste Gestalt in Richtung Straße stolpern. Sie hielt die Arme in die Höhe wie zu einem flehenden Gebet. Das Gesicht war leichenblass, der Mund vor Entsetzen weit aufgerissen, die Augen starr. Es war einer der beiden Lowes. Markby konnte noch nicht erkennen, wer von beiden. Er rannte durch das Tor und sprang über die Gräber, um die groteske Gestalt abzufangen. Es war Gordon, der jüngere der beiden, erkannte Markby nun, und er rief:

»Gordon! Was ist geschehen?« Gordon bemerkte Markby und stieß einen animalischen Schrei der Qual und des Schreckens aus. Er sank zu Boden und vergrub das Gesicht in den Händen, als könnte er Markbys Anblick nicht ertragen. Der Superintendent beugte sich über ihn und schüttelte ihn an der Schulter.

»Gordon! Um Himmels willen, Gordon, was ist denn los mit Ihnen, Mann?« Gordons zusammengekrümmter Leib schüttelte sich unter einem mächtigen Schluchzen. Er hob das Gesicht aus den Händen. Keiner der Lowes hätte jemals als attraktiv gegolten, doch in diesem Augenblick sah Gordon kaum noch menschlich aus. Seine Lippen bebten, Speichel troff aus dem Mundwinkel, und seine kleinen gelblichen Zähne klapperten.

»Der … der Schuppen …«, flüsterte er. Markby richtete sich auf und wandte sich in Richtung des Allzweckschuppens am Rand des Friedhofs. Doch Gordon sprang hoch und hielt Markby am Ärmel fest.

»Nicht, Mr. Markby! Gehen Sie nicht dorthin, Sir! Es ist … er ist dort drin!«

»Was ist los, Gordon?«

»Ich hab es gesehen … ich hab ihn gesehen …« Gordon stieß einen weiteren unartikulierten Schrei aus. Der Mann war offensichtlich nicht ganz bei Sinnen. Er hatte einen schrecklichen Schock erlitten und hatte vor Angst fast den Verstand verloren. Markby befreite sich von Gordons Griff und marschierte entschlossen in Richtung des Schuppens. Er sah, dass die Tür offen stand und im Wind schwang. Neben dem Eingang lag eine vergessene Schubkarre. Markby nahm am Rande wahr, dass Gordon hinter ihm herstolperte, während er unablässig murmelte und jammerte. Markby wappnete sich gegen das, was ihn erwartete. Er war vor dem Schuppen angekommen und sagte mit erzwungen ruhiger Stimme:

»Warten Sie hier, Gordon!« Dann ging er hinein, in das dunkle Innere, und war vorübergehend blind. Er stieß mit genügend Wucht gegen irgendetwas, um stolpernd zurückgeworfen zu werden. Rohes Wollgewebe kratzte über sein Gesicht, und der Geruch nach Erde und abgestandenem Nikotin drang ihm in die Nase. Der Schuppen war klein, und ein großer Teil des zur Verfügung stehenden Raums wurde von Werkzeugen und Plunder eingenommen. Beim Stolpern streifte Markby schmerzhaft mit der Rückseite des Oberschenkels an irgendeinem metallischen Gegenstand entlang. Als er sein Gleichgewicht wiedererlangt hatte, stand er für einen Sekundenbruchteil voll Unbehagen und Schrecken da, bis nach und nach die Einzelheiten seiner Umgebung deutlich wurden. Über seinem Kopf kratzten Äste mit blättrigen Fingern am Dach, und durch Ritzen tropfte Wasser herein. Ein Querbalken knarrte leise, während das Ding, das Markby fast von den Beinen gerissen hätte, infolge der Kollision langsam baumelte. Markby konnte es jetzt deutlich erkennen, und es gab nicht mehr den geringsten Zweifel. Vom Querbalken herab hing an einem dicken Strick der Leichnam von Denny Lowe und drehte sich um die eigene Achse, zuerst von links nach rechts, dann wieder zurück.

KAPITEL 14

LARS STAND vor dem offenen Schrank am Ende des Korridors. Er hatte die in Plastik gehüllten Kleidungsstücke beiseite geschoben und blickte nun zwischen ihnen hindurch auf die getarnte Tür, hinter der die geheime Kapelle lag. Es ist Jahre her, dass ich zum letzten Mal hier drin gewesen bin. Er konnte sich nicht einmal mehr genau erinnern, wann es gewesen war. Um ehrlich zu sein, hatte er seit jener schicksalhaften Nacht seines achtzehnten Geburtstags, als er mit der kleinen Kellnerin hierher verschwunden war, eine Aversion gegen die geheime Kapelle entwickelt. Allein der Gedanke, dass er nicht einmal ihren Namen wahrgenommen hatte in seinem alkoholisierten Zustand und dass er sie beim nächsten Mal, als sie sich begegnet waren, danach hatte fragen müssen! Ihr schien der Lapsus nichts ausgemacht zu haben. Doch jetzt hatte sie ihre süße Rache, nachdem sie lange tot war. Sie war zurückgekehrt, um ihn heimzusuchen. Andererseits hatte die Heimsuchung fast schon damals begonnen, lange bevor sie aus seinem Leben verschwunden war. Als er am nächsten Morgen, nach der Party, wieder nüchtern gewesen war, war ihm der sexuelle Akt fast wie ein Sakrileg erschienen. Er hatte die typischen Schuldgefühle Heranwachsender deswegen entwickelt. Wie konnte er sich nur so weit vergessen haben? Warum hatte er sie ausgerechnet an diesen Ort bringen müssen? Unter dem Dach seiner Eltern! Und warum, o warum hatte die Unruhe all die Jahre hindurch nicht nachgelassen?

»Ich hätte es längst ablegen müssen«, murmelte Lars zu sich selbst. Entschlossen trat er vor und öffnete die Türen. Er schob sich durch den Vorhang aus eingepackten Kleidern und in die Kapelle. Er schaltete das elektrische Licht ein und schloss die Tür, um sich seiner Phobie zu stellen. Lars war fest entschlossen, sie ein für alle Mal zu besiegen. Der winzige Raum roch muffig. Nicht überraschend, denn es gab kein Fenster. Lars blickte nach oben zu der bemalten Decke und der schaukelnden nackten Glühbirne. Sie beleuchtete das Gemälde von Adam und Eva, längst verblasst und abgebröckelt. Jetzt schienen sie die Gesichter von ihm selbst als junger Mann und dieser Kellnerin zu tragen, mit ihrem lustigen Zahnlückengrinsen. Der Rest des Gesichts war undeutlich und verschwamm in seiner Erinnerung. Er wusste noch, dass sie ein rundes Kinn und dunkles lockiges Haar besessen hatte. Aber das Grinsen, dieses komische und zugleich bezaubernde Grinsen, daran erinnerte er sich ausgesprochen gut. Zu gut. Sein Blick glitt zögernd hinunter zu dem alten gammeligen Sofa. Dort war es geschehen. Auf diesem widerlichen alten Ding hatten sie Liebe gemacht. Zuerst hatten sie nur dort gesessen und zwei Joints geraucht. Das war etwas, das er weder Markby noch Angie verraten hatte und auch niemals tun würde! Die Einzelheiten des Liebesaktes, der sich daran angeschlossen hatte, waren ebenfalls verschwommen. Nur lautes Stöhnen und Hecheln und Schwitzen und Übelkeit wegen des Alkohols, den er in sich hineingeschüttet hatte. Ganz zu schweigen von der übermütigen Ausgelassenheit, die vom Joint herrührte. Doch so betrunken er auch gewesen war, er erinnerte sich noch genau, dass er sich wegen der Flecken Sorgen gemacht hatte. Sie hatte ein Tuch hervorgezogen, versteckt hinter dem Latz ihrer Schürze, und sie hatten es auf das Sofa gelegt, um den Samt zu schützen. Als er sie wiedergesehen hatte, in der Stadt, hatte er sie gefragt, was sie mit dem verschmutzten Tuch gemacht hatte, und sie hatte geantwortet, dass sie es in den Mülleimer draußen vor der Küchentür gestopft habe, wie ganz gewöhnlichen Abfall. Als sie seinen entsetzten Gesichtsausdruck bemerkt hatte, hatte sie noch hinzugefügt:

»Keine Sorge, ich habe es in eine leere Cornflakesschachtel gesteckt, die bereits in der Mülltonne lag. Keiner hat es gesehen.« Wahrscheinlich war ihm an dieser Stelle bewusst geworden, dass sie so etwas schon häufiger getan haben musste. Auf anderen Partys, mit anderen Männern. Es war in diesem Augenblick, dass aus dem Verlust an Interesse richtiggehende Abneigung geworden war. Sie war, was seine Mutter ein Flittchen genannt haben würde, eine richtige Schlampe. Sie widerte ihn an. Langsam setzte sich Lars auf das Sofa.

»Mein Gott!«, flüsterte er.

»Was für eine schreckliche Geschichte!« Er verbarg das Gesicht in den Händen. Er wusste nicht, wie lange er so dort gesessen hatte. Plötzlich bemerkte er eine Bewegung; die Türen öffneten sich, und jemand kam zu ihm herein. Hände packten ihn bei den Schultern. Furchtsam blickte Lars nach oben, halb in der Erwartung, dieses Gesicht mit der Zahnlücke zu sehen. Worte lagen ihm auf der Zunge, er wollte sie fragen, warum sie ihn so verfolgte, wo es doch nichts mehr gab, was er für sie tun konnte. Doch bevor er etwas sagen konnte, erkannte er, dass es seine Mutter war, die über ihn gebeugt stand.

»Ma? Was machst du denn hier?«, flüsterte er.

»Brich mir jetzt nicht zusammen, mein Junge!«, sagte sie leise und eindringlich.

»Du darfst nicht zulassen, dass alles zerstört wird, wofür wir gearbeitet haben! Dieses Mädchen war nichts, und was mit ihr geschehen ist, kann dir egal sein!« Ihre hellen Augen glitzerten, und ihr Gesicht war totenbleich. Mit den blonden Wimpern und dem blonden Haar bot sie einen eigenartigen Anblick, fast wie ein aus Marmor gehauener Kopf. Er fand, dass sie schrecklich aussah. Wie eine Walküre, die gekommen war, um ihn in die eisigen Hallen Walhallas zu führen, ob er nun wollte oder nicht. Mit belegter Stimme sagte er:

»Keine Sorge, Mutter. Ich habe nicht vor, mich davon zerstören zu lassen.« Sie lockerte ihren Griff, ohne die Hände ganz von seinen Schultern zu nehmen.

»Was auch immer geschieht, Lars, es gibt nichts, das wir nicht regeln könnten. Wir können alles richtig stellen, du und ich. Glaub mir! Es gibt immer einen Weg, um die Dinge zu regeln.« Lars richtete sich auf, und sie nahm die Hände von seinen Schultern und wartete schweigend ab.

»Es ist eigenartig«, sagte er.

»Dinge, die man tut, ohne nachzudenken, dumme und ordinäre Dinge, genau die gleichen Dinge, die zahllose andere Menschen ebenfalls tun und nie wieder einen Gedanken daran verschwenden. Diese verdammten Dinge kommen Jahre später wieder hervor und verwandeln dein Leben in Elend. Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet dieses Mädchen ist? Woher hätte ich das wissen sollen?« Er blickte seine Mutter hilflos an.

»Was wir tun, bleibt unser ganzes Leben lang bei uns«, sagte sie grimmig.

»Wir können das, was wir getan haben, niemals abstreifen. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger reden wir darüber. Aber das heißt noch nicht, dass wir es vergessen. Du musst einfach glauben, dass es die Sache wert war!«

»Kimberley war es aber nicht wert!«, sagte Lars mit verlegenem Grinsen. Doch die Verlegenheit rührte aus dem Wissen, dass sie nicht über das Gleiche sprach wie er. Sein Lächeln verschwand, als ihm ein neuer schrecklicher Gedanke kam.

»Was hast du getan, Mama?« Sein Mund und sein Unterkiefer bebten. Die hellen Marmoraugen fixierten ihn.

»Spielt das eine Rolle?«

»Selbstverständlich tut es das!« Emotionen überfluteten seine Stimme.

»Um Himmels willen, Ma! Angie sagt …«

»Oh, Angie?« Sarkasmus troff aus ihren Worten.

»Und Angie weiß alles darüber, wie? O Lars, wenigstens aus deinen Fehlern könntest du lernen! Mach nicht alles noch einmal falsch!«

»Du kannst Angie nicht mit Kimberley vergleichen!«, sagte er wütend.

»Kann ich nicht?« Sie lachte schnaubend.

»Und ob ich das kann! Was wollte die kleine Kellnerin von dir, Lars? Sie sah einen reichen Jungen mit einer strahlenden Zukunft, der sie aus ihrem langweiligen, erbärmlichen Dasein fortführen, ihr ein Leben in Sicherheit und Luxus bieten und ihr alles kaufen konnte, was sie sich wünschte. Sie würde sich unter Leuten bewegen, die sie sonst nur aus der Ferne gesehen hätte! Will Angie nicht genau das Gleiche? Sie sieht in dir einen jungen Politiker mit einer strahlenden Zukunft. Sie sieht sich als die Frau eines Ministers und, wer weiß, vielleicht sogar als die Frau des Premierministers, eines Tages. Möglich ist alles!« Sein Kampfinstinkt kam ihm zu Hilfe, geschliffen in zahllosen Debatten in Wahlkämpfen und auf politischen Veranstaltungen. Lars sprang auf und starrte sie an.

»Das ist eine unglaubliche Unterstellung, sowohl Angie als auch mir gegenüber! Und es ist beleidigend. Ich liebe Angie, und Angie liebt mich!« Zu seinem wachsenden Entsetzen verzerrte sich das bleiche Gesicht vor ihm zu einer Fratze leidenschaftlichen Hasses.

»Liebe, Liebe!« Margaret Holdens Stimme überschlug sich.

»Was weißt du schon von Liebe! Was weiß diese dumme Kuh von Liebe! Soll ich dir sagen, was Liebe heißt, Lars? Leid, nichts als Leid. Liebe schmerzt, richtig tief – hier drin!« Sie schlug sich auf die Brust.

»Sie reißt dich auseinander, und sie ergreift von dir Besitz, mit Haut und Haar, wie ein Dämon! Sie bringt dich dazu, einfach alles zu tun! Vergiss das nicht – wenn deine Angie dich verlassen hat, genau wie Kimberley, dann bin ich noch immer für dich da! Ich werde dich niemals verlassen, Lars!« Entsetzt flüsterte er:

»O Gott, Mutter …« Doch sie wandte sich ab und ging, und er blieb allein in der kleinen Kammer zurück, einsamer und verängstigter als er es in seinem ganzen Leben je gewesen war.

Auf der Mattscheibe war ein Zauberkünstler zu sehen. Er trug einen glänzenden schwarzen Anzug mit glitzernder Jacke und Hose, ein pinkfarbenes Hemd und eine Fliege. Seine Assistentin steckte in einem einteiligen Badeanzug mit Flitter und Netzstrumpfhosen. Was für ein altmodisches Kostüm für ein Showgirl, dachte Meredith, während sie die junge Frau kritisch betrachtete. Man sollte meinen, dass sie inzwischen etwas Moderneres hätten, etwas Schickeres. Kostüme wie dieses hatte es bereits auf viktorianischen Jahrmärkten gegeben. Dickere Strümpfe vielleicht, wahrscheinlich fleischfarben, und Schnürstiefel anstelle von Pumps, das war der einzige Unterschied.

Der Zauberkünstler ließ Dinge verschwinden. Er lud die Zuschauer im Studio ein – obwohl es wahrscheinlich kein richtiges Studio war, sondern ein Nachtclub, und die Zuschauer Eintritt bezahlt hatten, um da zu sein –, ihm kleine Dinge zu geben, die er in ein Seidentuch wickelte. Dann bat er sie, seine Hand genau zu beobachten.

»Nicht!«, rief Meredith von ihrem Sofa aus. Es war doch sonnenklar: Bei einem Mann, der auf Täuschung aus war und darum bat, seine rechte Hand zu beobachten, musste man auf die linke achten. Die Zuschauer wussten das ebenfalls – trotzdem würden sie auf die rechte Hand sehen. Genau das war es, was Meredith so ärgerlich fand an Zauberkünstlern. Sie waren unverhohlene Täuscher und Betrüger. Sie wussten es, man selbst wusste es, und doch ließ sich jeder immer wieder hereinlegen. Irgendetwas daran ist grundlegend falsch, dachte Meredith. Waren sie eingeladen, ihr Geschick zu bewundern? Oder wollte der Zauberer nur demonstrieren, dass er stets schneller, schlauer, geschickter war als seine Zuschauer?

Meredith stand auf und schaltete den Fernseher ab. Sie hatte den ganzen Tag lang versucht, Alan anzurufen – seit Angie weggegangen war. Zuerst hatte die Vermittlung gesagt, dass er außer Haus war. Dann hatte sie gesagt, dass er im Augenblick nicht zu sprechen sei, und ob sie eine Nachricht hinterlassen wolle? Meredith versuchte es bei Alan zu Hause, aber er war nicht dort.

Sie kannte die Zeichen. Offensichtlich hatte es eine neue Entwicklung gegeben. Vielleicht hatte es etwas mit Kimberleys Fall zu tun, vielleicht war es aber auch eine ganz neue Sache. So war das mit der Polizeiarbeit, wie Meredith aus leidvoller Erfahrung wusste. Der Arbeitstag war flexibel. Er dehnte sich oder zog sich zusammen, je nachdem, ob es in letzter Minute irgendein Drama gab oder tagsüber keine Zeit gewesen war, um dringende Berichte fertig zu stellen. Irgendjemand hatte immer Urlaub, irgendwer war immer krank. Irgendeinen Grund schien es immer zu geben, aus dem Alan eine Aufgabe selbst erledigen musste.

Meredith sah auf ihre Uhr. Es war fast zehn. Sie hob den Hörer ab und unternahm einen letzten Versuch, mit Alan zu reden. Sie versuchte es gleich bei ihm zu Hause.

Zu ihrer Überraschung nahm er fast augenblicklich ab. Er hatte scheinbar in der Nähe des Telefons gestanden.

»Hallo?« Er klang müde. Sie erkannte, dass er offensichtlich erst wenige Minuten vorher den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte. Meredith fühlte sich schuldig, und es tat ihr Leid, dass sie ihn gestört hatte – was sie ihm auch sagte.

»Sei nicht albern«, erwiderte er schon ein wenig munterer.

»Ich dachte, du wärst Louise Bryce. Ich erwarte noch einen Anruf von ihr.«

»Gibt es etwas Neues? Im Büro hat man mir gesagt, du wärst nicht zu sprechen!«

»Mmmm«, murmelte er. Es klang, als wäre er beim Essen. Wahrscheinlich ein hastig zusammengestelltes Sandwich.

»Denny Lowe ist tot.«

»Denny? Du meinst einen der beiden Totengräberbrüder?« Vor ihrem geistigen Auge entstand das Bild der beiden merkwürdigen Gestalten mit den Wollmützen, die aus der Dunkelheit vor James Hollands Pfarrei auf sie zukamen.

»Was ist passiert?«, fragte sie. Ihre Stimmung sank.

»Er wurde doch nicht etwa ermordet?«

»Das wissen wir noch nicht. Wir müssen abwarten, was die Spurensicherung und die Pathologie sagen. Im Augenblick sieht es danach aus, als könnte es Selbstmord gewesen sein.« Seine Stimme klang jetzt deutlicher. Er hatte den Bissen heruntergeschluckt.

»Möchtest du vorbeikommen? Ich habe ein paar Whiskeys getrunken und glaube nicht, dass ich noch fahren kann.«

Als sie bei seinem viktorianischen Haus ankam, hatte er bereits in einem großen Steinguttopf Tee aufgesetzt und wanderte mit der ineffizienten Entschlossenheit eines Angetrunkenen auf der Suche nach zueinander passenden Tassen und Untertassen durch seine Küche. Der Geruch nach Whiskey hing in der Luft. Er hatte mehr als zwei getrunken, schätzte sie. Geschirr klapperte Unheil verkündend, als er in den Schränken wühlte.

»Nimm doch Becher, um Himmels willen! Ich bin doch nicht deine Anstandsdame!« Sie setzten sich an den Küchentisch und tranken den Tee. Alan neigte dazu, in der Küche zu wohnen. Es war ein großer Raum, der durch das Herausschlagen der Wand zwischen der ehemaligen Spülküche und dem Esszimmer entstanden war. Es gab noch zwei weitere Zimmer im Erdgeschoss, doch Markby benutzte sie kaum. Beide sahen aus, als wäre das Haus von seinen Besitzern für längere Zeit verlassen worden. Tücher bedeckten die Möbel, und es war feucht.

»Ich sollte dieses Haus verkaufen«, sagte er wie aus heiterem Himmel.

»Mir eine Wohnung nehmen.« Nachdem er seine Suche nach zueinander passendem Porzellan aufgegeben hatte, breitete sich Niedergeschlagenheit in ihm aus. Wenigstens schien der Tee ihn ein wenig nüchtern gemacht zu haben.

»Du würdest es hassen, in einer Wohnung zu leben.«

»Ich weiß. Trotzdem. Ich sollte es tun.« Sie tranken noch mehr Tee, und sie wartete geduldig, dass er ihr alles erzählte. Schließlich setzte er seinen Becher ab und berichtete von Dennys Leichnam im Schuppen auf dem alten Friedhof. Während er sprach, wurde seine Stimme zunehmend klarer, und wahrscheinlich galt das auch für seinen Kopf.

»Er baumelte am Querbalken. Es kann durchaus Selbstmord gewesen sein. Er war ein mürrischer Typ Mensch. Andererseits – falls es Mord war, hat jemand versucht, es wie Selbstmord aussehen zu lassen. Die Autopsie wird uns darüber Klarheit verschaffen.«

»Was sagt der andere … Gordon, nicht wahr? Was sagt Gordon? Litt sein Bruder unter Depressionen?«

»Gordon ist völlig von der Rolle, der arme Kerl. Wir werden wohl kaum vor morgen ein vernünftiges Wort aus ihm herausbekommen. Ich hab ihn zur Pfarrei gebracht und bei James Holland gelassen. Alles, was ich aus ihm herausbekommen konnte, war, dass er, Gordon, der Koch ist und für sechs Uhr das Abendessen für beide richten muss. Heute Abend ging Denny eine Stunde vor dem Essen noch mal weg und ließ Gordon allein am Herd. Gordon hat ihn pünktlich zurückerwartet, wie üblich. Aber Denny kam nicht. Schließlich ist Gordon ihn suchen gegangen und fand ihn dann auch. Es war schwer genug, das aus ihm herauszukriegen.« Alan rieb sich mit der Hand über den Mund.

»Warum um alles in der Welt sollte jemand Denny töten wollen? Die meisten Leute respektieren Totengräber, auch wenn sie ihnen unheimlich sind. Schließlich machen sie eine notwendige Arbeit. Auf der anderen Seite ist es sicherlich ein deprimierender Job. Und die Sache mit Kimberleys Knochen hat ihm möglicherweise mehr zu schaffen gemacht, als nach außen hin zu erkennen war.« Markby sah sie zweifelnd an.

»So hab ich das noch nicht gesehen. Er schien es einfach wegzustecken. Gordon hatte mehr damit zu kämpfen. Wenn Gordon sich aufgehängt hätte, hätte ich es ja noch verstanden. Ich hätte geglaubt, dass er nicht mit der seelischen Belastung fertig geworden wäre und durchgedreht ist. Aber nicht Denny. Er ist der falsche der beiden Brüder, wenn du verstehst, was ich meine? Aber wir werden sehen.«

»Du hast genug um die Ohren, ich weiß, aber ich habe den ganzen Tag versucht dich anzurufen. Angie Pritchard hat mir einen Besuch abgestattet.« In knappen Worten fasste sie zusammen, was Angie ihr erzählt hatte.

»Sie ist eine verdammt harte Lady, aber es ist ein Körnchen Wahrheit an dem, was sie sagt. Wenn die Geschichte mit Lars und dem Mädchen ans Licht kommt, wird irgendjemand das Gerücht in die Welt setzen, dass er sie damals umgebracht hat und jetzt alles vertuscht werden soll. Ich stimme Angie darin zu, dass Margaret fast alles tun würde, um ihren Sohn zu schützen, aber ich kann einfach nicht glauben, dass sie dafür morden würde.«

»Fast ist nicht absolut alles, da hast du Recht. Aber mit dem richtigen Motiv – wer würde da nicht morden? Die meisten Frauen würden ohne mit der Wimper zu zucken töten, um ihre Kinder zu schützen, oder?«

»Aber Lars war kein Kind mehr.«

»Er war achtzehn oder neunzehn, und soweit es seine Mutter angeht, kannst du darauf wetten, dass er in ihren Augen noch ein Kind war. Eltern-Kind-Beziehungen ändern sich niemals! Er ist auch heute noch ihr Kind.« Markby schüttelte unzufrieden den Kopf.

»Was ich gerne wissen würde – wer hat Kimberley die große Summe Geldes gegeben, kurz vor ihrem Tod?« Alan kratzte sich am Kopf und zerzauste seine Frisur, was zu den müden Linien passte, die sich in sein Gesicht gegraben hatten.

»Ich glaube Margaret, wenn sie sagt, dass sie nicht gezahlt, sondern das Mädchen aus dem Haus geworfen hat. Und was ist daraus geworden? Aus dem Geld? Aus den Banknoten, die Kimberley bei sich getragen hat? Sie hatte keine Zeit, das Geld auszugeben. Es mag trivial erscheinen, aber ich mag offene Fragen wie diese nicht. Falls Joan Oates es gefunden hat, hätte sie es der Polizei während der Ermittlungen zu Kimberleys Verschwinden gesagt. Es hätte ganz bestimmt im Polizeibericht gestanden, denn das hätte darauf hingedeutet, dass Kimberley keine normale Ausreißerin von zu Hause war. Es würde einen gewaltigen Unterschied gemacht haben, verstehst du? Hätte die Polizei damals das Geld gefunden, wäre sie misstrauischer wegen Kimberleys plötzlichem Verschwinden gewesen – vor allem wegen der Tatsache, dass sie das Geld zurückgelassen hatte.«

»Und sie hätte wissen wollen, von wem Kimberley so viel Geld hatte. Von wem und warum«, murmelte Meredith.

»O ja«, sagte er leise.

»Auch das. Verstehst du, das Fehlen des Geldes impliziert gewisse Fragen. Hat jemand aus Furcht vor polizeilichen Ermittlungen versucht, das Geld wieder in seinen Besitz zu bringen, nachdem Kimberley verschwunden war? Oder hat sie es jemandem zur Aufbewahrung gegeben, und hat diese Person es nach ihrem Verschwinden für sich behalten? Ich wünschte, ich wüsste die Antwort.« Er stellte seinen Becher ab.

»Aber für heute Abend habe ich mir den Kopf genug zerbrochen. Gehen wir schlafen?«

»Ich dachte schon, du fragst überhaupt nicht mehr.«

Am nächsten Morgen hatte es aufgehört zu regnen. Nachdem Markby im Büro angerufen und Bescheid gegeben hatte, dass er später kommen würde, schickte er Prescott zu Mrs. Etheridge. Dennys Tod bedeutete nicht, dass die Untersuchungen wegen Kimberley Oates’ Tod eingestellt wurden. Für Markby selbst jedoch hatte der neue Fall einstweilen Priorität.

Er fühlte sich einigermaßen klar im Kopf und hatte nur einen winzigen Kater. Das Frühstück mit Meredith hatte ihn in beste Laune versetzt. Auf der Fahrt zum Friedhof stellte er sich vor, wie es wäre, wenn Meredith immer zum Frühstück da wäre. Eines Tages vielleicht. Eines Tages würde er ihre Beziehung auf eine permanentere Basis stellen als das, was sie gegenwärtig hatten.

Er stellte den Wagen ab und ging über das nasse Gras zum Schuppen. Ein Beamter erwartete ihn bereits. Er schirmte den Tatort vor Neugierigen ab und unterhielt sich mit Pater Holland.

Beide begrüßten Markby.

»Ich begreife das einfach nicht«, gestand der Vikar freimütig.

»Warum? Denny erschien mir nie als manisch depressiv. Hätte man mich gefragt, würde ich gesagt haben, dass er ein Landmensch von altem Schrot und Korn ist, mit einer robusten Einstellung zum Leben und zum Tod. Ich hätte erkennen müssen, dass es nicht so war. Ich fühle mich in gewissem Ausmaß verantwortlich für das, was geschehen ist.«

Offenkundig ging Pater Holland davon aus, dass es sich tatsächlich um Selbstmord handelte. Markby bedauerte zwar, dass der Vikar sich Vorwürfe machte, doch er tat für den Augenblick nichts, um ihn aufzuklären. Es hätte die Dinge nur verkompliziert. Vielleicht war es tatsächlich Selbstmord gewesen. Markby war zwar innerlich davon überzeugt, dass es nicht so war, doch das war nur der Instinkt des Polizisten, geschärft im Lauf vieler Jahre. Er musste den Obduktionsbericht abwarten, bevor er sicher sein konnte.

Markby wechselte ein paar Worte mit dem uniformierten Beamten und betrat sodann den Schuppen. Im Licht des frühen Tages sah das Innere aus wie unzählige andere Schuppen auch. In einer Ecke stand ein Rasenmäher, ein antikes Modell, das niemand stehlen würde und das hier vollkommen sicher war. An diesem Rasenmäher hatte sich Markby gestern Abend so schlimm gekratzt. Es tat noch immer weh.

Andere Werkzeuge – Spaten, Schaufeln, Hacken, ein Karst … was das Herz begehrt, dachte Markby, während er alles in sich aufnahm. Sie würden sämtliche Geräte auf Fingerabdrücke untersuchen müssen. Er sah hinauf zu dem Querbalken. Sie hatten Denny abgeschnitten, und das verbliebene Seil war als Beweisstück gesichert worden.

Markby streckte den Kopf aus der Tür. Der Uniformierte und der Vikar standen noch immer dort.

»Hat Gordon dieses Seil erkannt?«

»Das weiß ich nicht.« Pater Holland runzelte die Stirn.

»Aber normalerweise liegt immer Seil im Schuppen, für den Fall, dass es gebraucht wird. Sargseile, wissen Sie? Um den Sarg ins Grab hinabzulassen. Ein Seil könnte reißen. Soweit ich weiß, ist das zwar noch nie geschehen, aber man muss darauf vorbereitet sein.«

Markby kehrte in den Schuppen zurück und sah sich erneut um. Nirgendwo war Seil zu sehen. Wie es schien, hatte Denny sich entweder selbst mit diesem

»Sargseil« aufgehängt, oder er war von jemand anderem aufgehängt worden.

Die Ecken des Schuppens waren voller Spinnweben. Eine Schmeißfliege zappelte darin und flog laut summend hin und her, während die Spinne ihre Beute aus der Ecke beobachtete. Während Markby hinsah, setzte sie sich vorsichtig, doch zielstrebig über ihr Netz hinweg in Bewegung. Markby sah weg. Calliphora vomitoria. Der Name brachte eine Glocke zum Klingen. Fliegen. Insekten. Ein Leichnam, der vor seiner Beerdigung eine Weile irgendwo versteckt worden war. Möglicherweise in einem Schuppen. Wenn Bullen doch nur endlich geredet hätte! Doch solange auch nur ein Hauch von Verdacht auf einem Mitglied der Holden-Familie lag, würde der Alte sein Schweigen wahren. Was nicht hieß, dass ein Holden verantwortlich war, nur dass Bullen dies auf seine eigene, verquere Weise glaubte.

Markby glaubte nicht, dass Bullen mehr getan hatte als das Mädchen zu verscharren. Wahrscheinlich hatte er die Leiche auf dem Friedhof entdeckt. Es wäre sehr hilfreich für die Ermittlungen gewesen, wenn Bullen wenigstens so viel bestätigt hätte. Wenn es ihnen gelang, Kimberleys letzte Bewegungen zurückzuverfolgen, konnte das zu ihrem Mörder führen. Doch Bullen gehörte nicht zu der kooperativen Sorte. Hatte nie dazugehört. Markby konnte nur hoffen, langsam sein Vertrauen zu gewinnen. Sehr langsam.

Was Dennys Tod anging, so sah er im Augenblick noch keine Verbindung zu den Ermittlungen im Fall Kimberley Oates. Zwei Leichen auf ein und demselben Friedhof, zwei Leichen, die nicht dorthin gehörten, bedeuteten andererseits einen kaum glaubhaften Zufall. Markby ging wieder nach draußen.

»Wo ist Gordon jetzt? Zu Hause?«

Pater Holland nickte.

»Ich habe ihn gestern Abend für ein paar Stunden bei mir behalten. Er hat sich ein wenig beruhigt und wollte nach Hause. Er murmelte immer wieder irgendwas von seiner Küche und dass er das Abendessen auf dem Tisch stehen hätte. Er war ganz durcheinander, aber er schien zu wissen, was er wollte. Also ließ ich ihn gehen. Ich habe ihn heute noch nicht gesehen. Ich war gerade auf dem Weg zu ihm.«

»Dann komme ich mit Ihnen«, erbot sich Markby.

»Ich möchte mich mit ihm unterhalten, solange die Dinge noch ruhig sind.«

Sie benötigten eine Viertelstunde bis zu der Seitenstraße, wo das heruntergekommene Cottage der Lowes stand. Der Straßenbelag war übersät mit Schlaglöchern, die verräterisch tiefe Pfützen bildeten. Sie waren ganz am äußersten Stadtrand, und von hier aus gab es nur noch Felder. In der ganzen Straße standen nur vier Häuser, jedes umgeben von einem ungepflegten Garten und Abfall: Zinkbadewannen, Autowracks, alte Kühlschränke.

Als sie am ersten Haus vorbeikamen, schlug ein Hund an, ein Mischling, der mit einer langen Leine an einen Pflock gebunden war. Er schoss aus einer Kiste, die wohl seine Hütte bildete, und kläffte sie an. Eine unsichtbare Stimme mischte sich fluchend ein, dass er endlich aufhören solle.

»Hier gibt es offensichtlich keine Nachbarschaftswache«, bemerkte Markby. Pater Holland, der vor ihm herhastete, tat den bleiernen Versuch eines Scherzes mit einer Handbewegung ab.

»Das Cottage der Lowes steht ganz am Ende. Ich kann niemanden sehen. Aber die Vorhänge an den Vorderfenstern stehen offen. Das ist ein gutes Zeichen. Gordon scheint also bereits auf den Beinen zu sein.« Markby blickte hinauf zu den winzigen Gaubenfenstern unter dem verwahrlosten Strohdach. Das Haus sah verlassen aus. In Markby breitete sich eine dunkle Vorahnung aus, im Gegensatz zu dem, was Holland dachte. Sie versuchten es an der Vordertür, ohne Erfolg. Auch die Hintertür war zugesperrt. Niemand öffnete, obwohl sie hämmerten und riefen. Sie spähten durch die vor Schmutz starrenden Fenster, doch es war nichts zu sehen. Pater Holland, dessen Unruhe von Minute zu Minute wuchs, schob den rostigen Briefkastenschlitz auf und rief:

»Gordon! Ich bin es, der Vikar! Öffnen Sie! Sind Sie zu Hause, Gordon?« Keine Reaktion. Der Vikar wandte sich verstört zu Markby um.

»Er hat etwas Dummes getan! Ich hätte daran denken müssen! Bestimmt hat er sich etwas angetan! Die Lowes standen sich immer sehr nah. Sie haben selbst gesehen, in welch erbarmenswertem Zustand Gordon gestern Abend war. Ich hätte ihn bei mir im Pfarrhaus behalten sollen! Ich hätte ihn niemals allein nach Hause gehen lassen dürfen! Es war zu viel für ihn. Alan, wir müssen uns Zugang zu diesem Haus verschaffen! Es geht um Minuten!« Sie standen wieder auf der Rückseite des Hauses. Neben der Tür stand ein großes altes Holzfass, das als Regenwassertonne diente. Das Wetter der letzten Wochen hatte es bis zum Rand gefüllt, und die Lowes hatten einen Holzdeckel darüber gelegt, um zu verhindern, dass es womöglich noch voller wurde. Markby schob den Deckel zur Seite und spähte hinein. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine Leiche in einem Fass gefunden hätte. Er schloss den Deckel wieder.

»Vielleicht ist er ausgegangen?«

»Dazu ist es zu früh!«, widersprach der Vikar. Markby sah auf seine Uhr.

»Es ist neun Uhr dreißig. Ich bezweifle, dass das für die Lowes früh ist. Sie waren es wahrscheinlich gewohnt, im Sommer um sechs oder sieben Uhr morgens aufzustehen.« Eine Frau war aus dem Cottage nebenan getreten, offensichtlich, um Wäsche aufzuhängen. Sie beobachtete die beiden Männer misstrauisch über den mit Unkraut überwucherten Rasen hinweg. Markby rief sie an.

»Wir suchen nach Gordon Lowe! Haben Sie ihn heute Morgen schon gesehen?«

»Gordon?«, entgegnete sie verblüfft.

»Nein, hab ihn heut noch nicht gesehn.« Sie wandte sich ab und trottete wieder ins Haus zurück.

»Wir verschwenden kostbare Zeit!«, brüllte Pater Holland seine Frustration heraus.

»Ich werde mir nie verzeihen, wenn ich Gordon … wenn ich ihn nicht daran hindere, das zu tun, was Denny gemacht hat!«

»Wir wissen noch nicht, was Denny getan hat!«, unterbrach ihn Markby heftig.

»Hören Sie auf, sich selbst Vorwürfe zu machen! Aber ich stimme Ihnen zu – wir müssen einen Weg ins Haus finden.« Er sah sich um. Neben der Hintertür stapelten sich auf einem modernden Haufen Kartoffelsäcke. Die Lowes schienen ihre Knollen zentnerweise gekauft zu haben. Markby riss einen Fetzen aus dem rauen Gewebe und wickelte ihn um den rechten Arm. Ein halber Ziegelstein, der praktischerweise direkt daneben lag, diente zum Einschlagen der Scheibe des Küchenfensters. Markby streckte den umwickelten Arm hindurch und drehte den Griff herum.

»Vorsichtig, Alan!«, ächzte Pater Holland automatisch, als der Superintendent durch das Fenster kletterte, um im gleichen Atemzug hinzuzufügen:

»Können Sie etwas von Gordon sehen?« Markby sah sich um. Nirgendwo war etwas von dem Essen zu sehen, das Gordon angeblich zubereitet hatte. Sämtliche Tassen und Teller waren sauber abgewaschen und standen auf dem Trockengestell. Markby ging zur Hintertür. Sie war abgeschlossen, doch im Schloss steckte kein Schlüssel. Pater Hollands bärtiges Gesicht drückte sich an das Fenster.

»Was ist los? Können Sie die Tür öffnen? Oder muss ich auch durchs Fenster klettern?« Es schien unwahrscheinlich, dass der Vikar seine beträchtliche Leibesfülle durch das kleine Fenster manövrieren konnte.

»Sie müssen zur Vorderseite gehen!«, rief Markby. Die Vordertür besaß ein Yale-Schloss und ließ sich von innen öffnen, wenn auch unter Schwierigkeiten. Feuchtigkeit hatte den Holzrahmen aufquellen lassen, und er klemmte. Offensichtlich wurde die Tür kaum benutzt. Als Markby sie jetzt öffnete, regnete ein Schauer aus Schmutz und toten Insekten auf ihn herab. Pater Holland platzte herein.

»Gordon!«, donnerte er.

»Er ist nicht hier unten. Vielleicht versuchen wir es oben?« Sie stapften die schmale Treppe hinauf. Die Betten in den beiden winzigen Schlafzimmern waren ordentlich gemacht. Nichts deutete darauf hin, dass in der vorangegangenen Nacht jemand hier geschlafen hätte. Das Badezimmer war primitiv. Markby fuhr mit dem Finger über das gesprungene Waschbecken. Knochentrocken.

»Nun«, sagte er, indem er sich zu dem Vikar umwandte, der in der Tür stehen geblieben war, »er muss gestern Abend nach Hause gekommen sein, weil er die Küche aufgeräumt, das Essen beiseite geschafft und aufgeräumt hat. Dann ist er durch die Hintertür gegangen, hat sie verschlossen und den Schlüssel mitgenommen. Wir wissen nicht genau, wann, doch ich würde sagen, dass es noch gestern Nacht war. Heute Morgen war er jedenfalls nicht hier. Die Frage lautet: Wann genau ist er weggegangen?« Pater Holland stieß ein gequältes Stöhnen aus.

»Gordon hat keine Familie! Er baumelt irgendwo an einem Baum! Ganz bestimmt! Der arme Gordon!«

»Halten Sie Ihre Fantasie ein wenig im Zaum, James! Entweder taucht Gordon aus eigenen Stücken wieder auf, oder wir werden ihn finden, das verspreche ich Ihnen! Ich will genauso wenig wie Sie, dass ihm irgendetwas zustößt.« Sie verließen das Cottage, doch zuvor kritzelte Pater Holland noch eine Notiz für Gordon auf ein Blatt, das Markby aus seinem Notizbuch gerissen hatte, und legte sie auf den Küchentisch.

»Für den Fall, dass er zurückkommt«, erklärte er.

»Ich habe ihm geschrieben, dass er sich augenblicklich mit mir in Verbindung setzen soll!«

»Gute Idee. Ich werde mich mit der lokalen Polizeiwache in Verbindung setzen und sie bitten, eine Suchaktion zu starten. Dann fahre ich ins Bezirkspräsidium zurück und sehe, wie viele Leute wir dort entbehren können. Sie kehren ins Pfarrhaus zurück, James. Sollte Gordon sich mit jemandem in Verbindung setzen, dann wahrscheinlich mit Ihnen. Wenn Sie wegmüssen, dann richten Sie es so ein, dass jemand an Ihrem Telefon wacht. Einer der uniformierten Beamten auf dem Friedhof, wenn es sein muss. Ich sage den Männern Bescheid. Und machen Sie sich keine Sorgen, James. Bestimmt wandert er nur irgendwo benommen umher. Wir werden ihn finden.« Hoffte er zumindest inbrünstig.

KAPITEL 15

NACH EINEM frühen Frühstück mit Alan kehrte Meredith zu sich nach Hause zurück und starrte trostlos umher.

»Wieder mal im Abseits, Mitchell!«, sagte sie laut.

»Wieder mal zweite Geige nach der Arbeit!« Sie hatte keine Ahnung, wann sie Alan wiedersehen würde. Er hatte eindeutig mehr als genug um die Ohren. Doch in Wirklichkeit war es etwas anderes, das ihr Sorgen bereitete. Angie Pritchard. Die Unterhaltung mit Lars Holdens Verlobter ging ihr nicht aus dem Kopf. Es war nicht zu übersehen, dass nach Angies Überzeugung Margaret Holden die Mörderin Kimberleys war. Ganz gleich, wie viele Entschuldigungen Angie für Margaret anführen mochte, von wegen übertriebener Mutterliebe oder mentaler Instabilität, der grundlegende Vorwurf blieb. Vielleicht hatte sie Recht. Vielleicht hatte Margaret es getan. Aber Meredith glaubte nicht daran, und ein hartnäckiger Instinkt regte sich in ihr. Sie war entschlossen, Angie nicht damit durchkommen zu lassen, anderen Leuten diese Idee in den Kopf zu setzen. Meredith hatte sich gezwungen gesehen, Alan von Angies Theorie zu erzählen, und sie hatte mit Erleichterung festgestellt, dass er sie mit einiger Skepsis betrachtete. Doch er musste wissen, dass die Möglichkeit bestand. Er würde Margaret oder Lars nicht aus dem Kreis der möglichen Täter ausgeschlossen haben.

»Also liegt es an mir!«, murmelte sie.

»Ich muss beweisen, dass Angie sich irrt.« Außerdem hatte sie nicht die Absicht, irgendjemandes zweite Geige zu spielen. Doch wenn der Haushalt der Holdens nicht in Frage kam, wer blieb dann noch übrig, um Licht in diese Sache zu bringen? Meredith setzte sich und schrieb sämtliche Namen auf, die bisher in der Angelegenheit zum Tragen gekommen waren, auch diejenigen, die nur am Rande erwähnt worden waren. Dann strich sie Margaret und Lars durch. Übrig blieben Bullen, Simon French, Jennifer Fitzgerald geborene Jurawicz, Derek Archibald, Mrs. Etheridge und der alte Reverend Appleton. Letzterer war tot. Jennifers Adresse in Nottingham war ihr unbekannt. Die anderen vier jedoch konnte sie angehen. Menschen waren häufig nervös, wenn sie mit der Polizei redeten. Sie befürchteten, Protokolle unterschreiben zu müssen. Ein Schwätzchen über einer Tasse Kaffee mit einer Nachbarin war etwas ganz anderes. Meredith ging die Straße hinunter, um Janet Etheridge zu besuchen.

Sie fand die alte Dame beim Polieren des messingnen Türklopfers und Briefkastenschlitzes ihrer Haustür.

»Geht es Ihnen heute wieder besser, Mrs. Etheridge?«, fragte Meredith. Janet Etheridge, Poliertuch und Duraglit-Dose in den Händen, unterbrach ihre Arbeit.

»Viel besser, danke. Ich habe meine guten und meine schlechten Tage, wissen Sie? Wenn ich einen guten Tag habe, erledige ich ein paar dringende Arbeiten, obwohl ich heute Morgen aufgehalten wurde und ein wenig spät dran bin.« Vielleicht war dies ein Wink, dass sie nicht aufhören wollte, um sich zu unterhalten. Falls dem so war, ignorierte Meredith es.

»Ich habe gestern mit Derek Archibald gesprochen. Will sagen, ich war in seinem Laden. Ich habe ihm erzählt, dass wir uns gesehen und Sie mir von der Kerze und den Blumen berichtet hätten.«

»Tatsächlich?« Janet Etheridge bedachte Meredith mit einem missbilligenden Blick, wahrscheinlich wegen des implizierten Eingeständnisses, dass Meredith Fleisch aß. Vielleicht aber auch, weil Meredith etwas Vertrauliches weitergegeben hatte.

»Ich dachte, Derek hätte sich inzwischen längst auf sein Altenteil zurückgezogen!«

»Er scheint noch sehr aktiv zu sein und wirkt überhaupt nicht so alt. Übrigens, er hat sich erkundigt, wie es Ihnen geht.« Mrs. Etheridges Stimme wurde milder.

»Tatsächlich? Nun ja, damals habe ich Derek regelmäßig gesehen, als wir noch beide Mitglieder im Kirchenvorstand waren.« Sie legte eine Hand auf das Haar, frisiert in streng gelegte Wellen.

»War die Polizei denn auch bei ihm, hat er etwas gesagt?«

»Nein, er hat nichts dergleichen erwähnt!«, antwortete Meredith überrascht.

»Ich glaube nicht.«

»Ich hatte heute Morgen Besuch von einem Beamten. Deswegen bin ich so spät dran. Normalerweise bin ich um elf Uhr längst fertig hier draußen! Sie haben ihn knapp verpasst. Ein junger Sergeant, ein netter junger Mann! Sehr höflich. Irgendwie hat er von dieser Geschichte mit der Kerze auf dem Altar und den Kosmosblumen erfahren. Anscheinend geht die Geschichte jetzt herum!« Ihre scharfen Augen ruhten einmal mehr nachdenklich auf Meredith. Meredith bemühte sich, unschuldig dreinzublicken.

»Aha? Was hat er gesagt?«

»Nicht viel. Er hat alles aufgeschrieben, was ich ihm gesagt habe. Im Nachhinein denke ich, dass er es von Derek Archibald erfahren hat. Obwohl mir rätselhaft ist, warum Derek diese Geschichte ausgerechnet jetzt ausgraben muss. Niemand kann mehr irgendetwas daran ändern!« Sie schürzte die Lippen.

»Wahrscheinlich war er deswegen bei mir, weil ich es damals entdeckt habe. Wäre ich nicht gewesen, hätte es nie jemand herausgefunden!« Sie blickte Meredith selbstzufrieden an und fügte in tadelndem Ton hinzu:

»Nicht, dass damals irgendetwas deswegen unternommen worden wäre!«

»Mr. Archibald hat mir verraten, was er über den Zwischenfall dachte.« Mr. Etheridge kapitulierte vor Merediths Entschlossenheit. Und wenn es nur aus dem Grund war, endlich wieder einmal ein wenig Aufmerksamkeit zu erhalten.

»Möchten Sie vielleicht auf eine Tasse Kaffee hereinkommen?«

Als sie in Mrs. Etheridges ordentlichem kleinen Wohnzimmer beim Kaffee saßen – Mrs. Etheridge hatte unterdessen ihre Schürze abgelegt –, fragte sie:

»Und was hat Derek Ihnen erzählt? Ich glaube, er wird weiter in seinem Geschäft arbeiten, bis er tot umfällt! Die Archibalds haben keine Kinder. Er wird sein Geschäft verkaufen, wenn er in den Ruhestand geht, schätze ich, und es wird den Namen Archibald verlieren.«

»Das wäre schade nach so langer Zeit. Aber vielleicht behält

der neue Besitzer den Namen bei, wer weiß?« Meredith biss in ein trockenes Biskuit. Es bildete eine teigige Substanz in ihrem Mund, die an den Zähnen klebte.

»Das wäre nicht mehr das Gleiche«, sagte Mrs. Etheridge fest.

»Mmmm.« Meredith versuchte, den Zement an den Zähnen mit der Zunge abzustreifen.

»Mr. Archibald glaubt jedenfalls, dass es Kinder gewesen sind. Ein dummer Streich oder so etwas.«

»Derek kann meinetwegen glauben, was er will!«, erwiderte die Gastgeberin.

»Ich denke etwas anderes! Das habe ich diesem jungen Beamten heute Morgen auch gesagt! Hier geht mehr vor, als es auf den ersten Blick scheinen mag!« Sie ließ ihre kryptische Bemerkung unkommentiert in der Luft hängen. Meredith war es unterdessen gelungen, einen Klumpen Biskuit zu lösen und herunterzuschlucken. Sie spülte mit wässrigem Kaffee nach.

»Mr. Archibald schien sich seiner Sache sehr sicher.« Meredith hatte den Ausdruck

»die Lippen schürzen« zwar schon oft gelesen, doch sie hatte bis zum heutigen Tag noch nie gesehen, wie es tatsächlich aussah. Jetzt schürzte Mrs. Etheridge ihre dünnen Lippen.

»Derek Archibald hat sich nicht immer so benommen, wie es einem Mitglied des Kirchenvorstands angestanden hätte! Er ist jedes Mal direkt vom Abendgebet ins Pub gegangen! Ich habe es oft mit eigenen Augen gesehen! Und einmal …« Mrs. Etheridge errötete und schwieg.

»Ja?«, fragte Meredith. Die Frau schien unschlüssig. Sie wollte Meredith mehr erzählen, doch offensichtlich war es ihr peinlich. Ob Derek womöglich unschickliche Annäherungsversuche unternommen hatte?

»An jenem Abend«, fuhr Mrs. Etheridge vorsichtig fort, »als wir, das heißt, als ich die Kerze auf dem Altar fand, gingen wir nach der Sitzung des Kirchenvorstands im Pfarrhaus zu dritt in die Kirche zurück, um den Vorfall zu untersuchen. Derek, Pater Appleton und ich. Wir durchsuchten das Gotteshaus. Ich war wirklich sehr erschrocken, und es wurde spät. Ich war zu Fuß zur Pfarrei gegangen, aber ich wollte wirklich nicht allein zurückgehen. Also bat ich Derek, mich nach Hause zu fahren, denn ich wusste, dass er mit dem Wagen da war.« Meredith blinzelte. Was würde als Nächstes kommen? Mrs. Etheridge wirkte plötzlich schüchtern. Sie fummelte an der spitzenbesetzten Tischdecke des kleinen PembrokeTischchens, auf dem das Kaffeetablett stand.

»Derek schloss die Beifahrertür auf und ließ mich einsteigen. Dann ging er noch einmal zum Vikar zurück und redete ein letztes Wort mit ihm. Es dauerte recht lange. Derek brachte seine Unterlagen immer in einem dieser kleinen flachen Koffer mit zu den Sitzungen, Keine gewöhnliche Aktentasche, wenn Sie verstehen, sondern so ein steifer Koffer mit Schlössern.«

»Ich weiß, ich kenne diese Dinger«, versicherte ihr Meredith.

»Ein Diplomatenkoffer.«

»So nennt man sie? Nun ja, jedenfalls weiß ich nicht, warum Derek so einen haben musste. Vielleicht, damit er wichtiger aussah. Bestimmt sogar.« Mrs. Etheridge fummelte erneut am Spitzenbesatz der Decke.

»Er hatte seinen Koffer auf den Fahrersitz gelegt. Er redete so lange mit dem Vikar, dass ich mich zur Seite beugte, um zu sehen, was die beiden machten. Dabei warf ich den Koffer vom Sitz. Er war nicht abgeschlossen. Der Deckel klappte auf, und alles fiel heraus.«

»Aha?« Vielleicht hatte es sich tatsächlich so zugetragen. Vielleicht hatte sie aber auch nur neugierig geschnüffelt. Doch offensichtlich hatte Janet Etheridge etwas Unerwartetes gefunden.

»Ich hob alles auf und schob die Papiere zusammen, um sie wieder zurückzulegen. Und …«, sie errötete womöglich noch stärker, »… ich war völlig schockiert. Unter den Papieren lag ein … ein Magazin.«

»Ein Gemeindebrief?« Mrs. Etheridge bedachte Meredith mit einem vernichtenden Blick und sagte mit einiger Schärfe:

»Nein, meine Liebe. Eins von diesen Magazinen! Für Männer. Eine bestimmte Sorte von Männern!«

»Ein schwedisches Magazin?«, rief Meredith.

»Lächerlicher Name! Dieses Magazin hieß …« Mrs. Etheridge atmete tief durch.

»Nackedeis!« Ihre Röte verwandelte sich in Blässe.

»Ich hatte noch nie im Leben solche Bilder gesehen! Frauen, die … Sachen machten! Sie posierten in den … in verwerflicher Weise. Ich … ich schob hastig alles wieder in Dereks Koffer zurück und schloss ihn. Natürlich habe ich dem jungen Beamten heute Morgen kein Wort davon erzählt, aber seit jenem Abend habe ich Derek Archibald nie wieder gemocht!« Meredith erkannte, dass das Thema des unglücklichen Metzgers damit abgeschlossen war. Sie probierte eine andere Taktik.

»Wegen Bullen, dem früheren Totengräber. Er muss sehr alt sein. Ich würde sagen, er weiß eine ganze Menge Geschichten zu erzählen, Geschichten aus der Gegend. Ich hatte überlegt, ob ich ihn nicht irgendwann einmal besuchen soll.«

»Nat Bullen kennt höchstens die Geschichte der einheimischen Pubs!«, ereiferte sich Mrs. Etheridge grimmig.

»Ich bezweifle, dass er sonst noch etwas weiß! Ein Trunkenbold, wie er im Buche steht! Alt, aber nicht weise! Ich rate Ihnen, reden Sie nicht mit Nat Bullen. Er ist ein ununterbrochen fluchender widerwärtiger alter Mann.« Damit war das Thema Bullen offensichtlich ebenfalls abgeschlossen. Mrs. Etheridge schien in ihrem zweifellos untadeligen Leben mehr als genug moralisch verderbte Männer kennen gelernt zu haben. Meredith fragte sich, wie der verstorbene Mr. Etheridge wohl gewesen war. Sie sah nirgendwo Fotografien von ihm. Mrs. Etheridge sammelte die Kaffeetassen ein. Meredith verstand den Wink.

»Ja. Danke für den Kaffee und … und die Unterhaltung. Ich werde an das denken, was Sie über … über Nat Bullen gesagt haben.«

»Verderbtheit«, informierte Janet Etheridge ihre Besucherin, »Verderbtheit lauert überall.«

Meredith spazierte in die Stadt und kaufte eine Zeitung. Einer plötzlichen Eingebung folgend ging sie weiter, bis sie beim Pfarramt ankam. Auf der Suche nach jemandem, der nicht verdorben war, vermutlich.

Pater Holland war in seinem Arbeitszimmer, doch als sie durch die nie verschlossene Tür in den Hausflur trat und nach ihm rief, kam er herausgeschossen.

»Oh, Meredith!« Er stand niedergeschlagen in der Tür zum Arbeitszimmer. Dann flackerte ein Hoffnungsschimmer über sein bärtiges Gesicht.

»Hat Alan Sie geschickt?«

»Nein. Warum? Erwarten Sie eine Nachricht von Alan?«

»Ja – das heißt nein. Ich weiß es nicht, Meredith. Es geht um

Gordon Lowe. Wir können den armen Burschen nirgendwo finden! Er ist spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt!«

Meredith folgte dem Vikar zurück in dessen Arbeitszimmer und nahm in einem der alten Lehnsessel Platz. James Holland setzte sich ihr gegenüber und verschränkte die Hände auf den Knien seiner Soutane. Er sah ganz unglücklich aus.

»Vielleicht ist Gordon ja auch nur zu einem Freund gegangen?«, schlug Meredith vor.

»Wie lange ist er denn schon weg?«

»Es ist alles meine Schuld«, sagte er. Gestern Abend, als er seinen Bruder fand – hängend –, war er völlig außer sich!

»Die Lowes sind nicht wie andere Leute. Sie stehen sich sehr nah. Sehr, sehr, sehr nah«, korrigierte er sich.

»Sie haben ihr ganzes Leben zusammengelebt. Soweit ich weiß, war keiner von beiden je verheiratet. Und es gibt auch keine Verwandten, von denen ich wüsste. Was Freunde angeht – ich glaube nicht, dass sie welche brauchten. Sie waren sich auf ihre Weise selbst genug und lebten recht isoliert von allen anderen. Denny war vor Jahren Soldat in der Army. Sie haben ihn ins Ausland geschickt, nach Deutschland glaube ich. Manchmal hat Denny halb im Scherz erzählt, dass er weit gereist sei, doch das war auch schon alles. Gordon ist ein paar Jahre jünger und musste deshalb nicht zum Wehrdienst. Er war nie außerhalb von Bamford. Es mag merkwürdig erscheinen, doch die beiden schienen recht glücklich zu sein. Offensichtlich gab es mehr, als es den Anschein hatte …« Seine Stimme versagte.

»Gordon leidet vielleicht unter einem mentalen Aussetzer.« Meredith dachte über die Möglichkeiten nach.

»Vielleicht ist er nicht im Stande, Dennys Tod zu akzeptieren. Aber wenn es so ist und er umherwandert, wird irgendjemand ihn finden.«

»Ich hoffe sehr, dass er hierher zu mir kommt.« Pater Holland seufzte.

»Ich hätte ihn letzte Nacht hier behalten sollen.«

»Sie konnten ihn wohl kaum einsperren, James!«, entgegnete Meredith. Er antwortete mit einer Geste der Hilflosigkeit.

»Alan scheint ganz sicher zu sein, dass sie ihn finden. Wohlbehalten finden. Ich wünschte, ich wäre mir genauso sicher.«

»Wenn Alan das sagt, dann werden sie ihn auch finden«, antwortete Meredith fest.

Doch Alans Sicherheit schwand von Minute zu Minute. Nachdem er die einheimische Polizeistation informiert hatte, war er ins Bezirkspräsidium zurückgefahren, um seine Mannschaft zusammenzutrommeln. Auf dem Weg zum Besprechungszimmer sprang eine wartende Gestalt auf, um ihn abzufangen.

Markby wich ihr aus, ohne sie weiter zu beachten. Doch als er seinen Namen rufen hörte, blieb er stehen und wandte sich um.

»Major Walcott!«, rief Markby entschuldigend und schüttelte seine Hand.

»Bitte verzeihen Sie, ich habe nicht gesehen, dass Sie es sind. Ich bin sehr in Eile, wenn Sie verstehen.«

»Nein, nein, bitte entschuldigen Sie sich nicht«, sprudelte der Major heraus.

»Es ist ganz und gar meine Schuld! Ich … ich habe mich gefragt, Alan, ob Sie vielleicht einen Augenblick Zeit für mich erübrigen könnten. Ich sehe, wie beschäftigt Sie alle hier sind. Was für ein Betrieb! Trotzdem, ich wäre Ihnen dankbar.«

»Um ehrlich zu sein, Major, das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Wir haben gerade einen Notfall. Wenn Sie vielleicht mit einem meiner Leute …?«

»O nein!« Major Walcott blieb hartnäckig.

»Ich möchte mit Ihnen reden. Es ist … es ist eine recht persönliche Sache, und delikat obendrein.« Er blickte Markby geheimnisvoll an.

»Oh, ich verstehe.« Diese Art von Eröffnung bedeutete im Allgemeinen, dass es um eine Angelegenheit äußerster Trivialität ging, die keine Menschenseele außer dem Betroffenen interessierte. Höflich versuchte er, sich von seinem Besucher zu lösen.

»Nun, dann vielleicht später am Tag, Major. Vielleicht kommen Sie später noch einmal vorbei, ja?«

Mit diesen Worten ließ er Walcott stehen und rannte weiter in das Besprechungszimmer, wo Bryce, Prescott und zwei oder drei andere bereits warteten.

Prescott unterhielt die Übrigen mit der Pantomime einer älteren Frau.

»Hexensabbate, denken Sie nur!«, sagte er mit hoher Falsettstimme und betätschelte dabei einen imaginären Dutt.